Kritik: Mommy (CA 2014)

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Wir haben uns noch lieb, oder?

Xavier Dolan machte direkt 2009 mit seinem ersten Film I killed my Mother international auf sich aufmerksam. Und das mit gutem Recht; zu frisch und selbstbewusst wirkte seine Inszenierung, zu geradlinig und souverän erzählte er eine Geschichte, die voll Hass(-liebe) und Geschrei ist. Er war 20 Jahre alt und verarbeitete mit dem Film die Beziehung zu seiner eigenen Mutter. Er selbst beschrieb den Film als „semi-biographisch“. Vier Jahre und drei Filme, darunter das Meisterwerk Laurence Anyways, später erhebt er sich wieder mit einem Film, der, so viel darf man sich bei dem Titel und Plakat wohl denken, einmal mehr die Beziehung eines Jungen zu seiner Mutter behandelt. Bei Cannes gab es dafür den Preis der Jury, von Kritikern gab es Applaus.

Schon die ersten drei, vier Einstellungen des Films schaffen es alles über die Vergangenheit von Diane (Anne Dorval) und ihrem Sohn Steve (Antoine Olivier Pilon) auszusagen, was der Zuschauer wissen muss, bevor er in das Leben der beiden eintaucht. Sie ist wirr, instabil, plan- und orientierungslos. Befremdlich mag anfangs das Bild sein, welches die Geschichte in einem 1:1-Format einfängt. Sobald man sich jedoch darauf eingelassen hat, erscheint es wie die einzige richtige Lösung. Wir sind von Anfang an klaustrophobisch dicht an den Charakteren. Das hilft ungemein dabei, mit den Figuren zu sympathisieren, die nicht auf Biegen und Brechen dem Zuschauer schmackhaft gemacht werden, sondern sind, wer, wie und was sie sind. Vor allem laut. Außerdem dient das quadratisch kleine Bild zur Verbildlichung der Situation, in der Diane und Steve stecken. Sie sind Gefangene, in der Mittelmäßigkeit, in den Lebensbedingungen, in der Gesellschaft, die sie ausgrenzt und nach unten drückt. Dorthin, wo man nur ersticken kann. Und so existieren nur Mutter und Sohn in dem deprimierten und deprimierenden Umfeld und sie kämpfen gemeinsam gegen den Rest der Welt, jeder für sich und für den anderen.

Dabei ist es eine seltsam dysfunktionale und beinahe schizophrene Beziehung, die die beiden führen. Sie machen sich gegenseitig (und gemeinsam) kaputt, sind aber dann Minuten später wieder voll und ganz solidarisch in Momenten, in denen sie von äußeren Kräften der Gesellschaft angegriffen werden. Die Wirkung der Gesellschaft selbst wird dabei jedoch von Xavier Dolan derart kräftig und gleichzeitig so leise im Hintergrund ad Absurdum geführt, dass man den Hut ziehen muss. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass Eltern ihre Kinder bedingungslos lieben müssen. Kinder müssen das nicht. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass Eltern ihre eigenen Bedürfnisse denen ihrer Kinder hintenanstellen müssen. Kinder müssen das nicht. Dabei ist es nicht diese ungleiche Verteilung, die für die Eltern schwierig ist, sondern der leuchtende Zeigefinger von Unbeteiligten, der auf die Eltern zeigt, wenn diese Gesetze mal nicht beachtet werden. Es ist dieser stete Zwang, der zermürbt und den Druck nur noch erhöht. Gleichzeitig scheinen die Nachbarn und andere Menschen, deren Wege sich mit denen von Diane und Steve kreuzen, stets nichts als Verachtung für Diane übrig zu haben, weil sie ihren Sohn stets in Schutz nimmt. Ungeachtet dessen, was er wieder gesagt oder angestellt hat. Es wird von ihr also verlangt, ihren Sohn bedingungslos zu lieben. Wenn sie das allerdings tut, reagiert die Umwelt niederträchtig und blickt auf sie herab.

Diane liebt ihren Sohn, obwohl er keine fünf Minuten still sitzen kann. Obwohl er jede Gelegenheit nutzt, um irgendwen zu beleidigen, anzugreifen oder zu terrorisieren. Sie liebt ihn, und das ist verständlich. Nach guten 20 Minuten wird überdeutlich, dass Steve all das nicht macht, um böse zu sein. Sondern, weil er einfach nur eine verwirrte Seele ist. Perfekt beschrieben wird das in einer Szene, in der er seiner Mama eine offensichtlich gestohlene Kette überreichen möchte und sie aus der Haut fährt, weil er ein Dieb ist. „Ich hab’s nicht gestohlen, es ist ein Geschenk.“ entgegnet er da. Mehr braucht Xavier Dolan nicht, um deutlich zu machen, wie das Innere von Steves Kopf funktioniert. Wie kann etwas schlecht sein, wenn er aus Liebe gehandelt hat? Wieso kann niemand das Gute in seiner Geste sehen, geschweige denn, seine Handlung würdigen? Steve bekommt Ärger, nachdem er sich Mühe und Liebe gibt. Wenn er seinen Frust darüber auslässt, wird er wieder als der „Verrückte“ und „Asoziale“ abgestempelt und bekommt Ärger. Was wird da noch von ihm erwartet. Egal, was er macht, es ist falsch und wird verachtet.

Diane sagt, Steve leide neben ADHS an einer Bindungsstörung. Abgesehen von den einzigen beiden selbstverständlichen Bindungen (den zu den eigenen Eltern) hat er es also schwierig. Vor dem Einsetzen des Films jedoch verliert Steve die Hälfte seiner Bindungen, als sein Vater stirbt. Wir wirkt sich das auf einen Jungen aus? Ist sein Leben jetzt nur noch halb so viel wert? Xavier Dolan nutzt die Thematik und inszeniert eine sagenhafte Szene in der Küche des Hauses, in der der junge Steve seine Mutter und seine Hauslehrerin/Nachbarin Kyla dazu animiert, mit ihm zu tanzen – zu Céline Dions „On ne change pas“. Steve, Diane und Kyla tanzen, nehmen einen Augenblick Abstand von der Welt und freuen sich. Es ist einer der intimsten Momente des Films, in der Xavier Dolan der Frage nachgeht, inwieweit man sich in einem schwierigen Umfeld verändern kann. Es ist ein Tanz, in dem sie die Akzeptanz der ausweglosen Situation, in der sie stecken, überholen und sie gar vergessen. So weit, bis sogar Träume und Hoffnung wieder Wörter sind, die man im Lexikon finden kann. Diese Hoffnung nicht zu verlieren, obwohl Enttäuschung nach Enttäuschung Einzug in das Leben finden, ist nicht nur eine Kunst, es ist letztendlich das Einzige, was den Figuren übrig bleibt.

Mommy ist ein vorerst würdiger Abschluss von Xavier Dolans frankokanadischen Werken geworden. Neben Altbekannten aus seinen vorigen Filmen sieht man auch neue Gesichter, eines hingegen nach Laurence Anyways bereits zum zeiten Mal nicht: Das von Xavier Dolan selbst. Dieser konzentrierte sich erneut voll und ganz auf die Arbeit hinter der Kameralinse und schaffte es, nach seinem zuletzt knapp dreistündigen Meisterwerk auch Mommy von einer angenehmen Frische behausen zu lassen, die, Hand auf’s Herz, von einer großen Gabe zeugt. Der Streifen zieht in den Bann, stößt ab, befreit, fängt aber im selben Moment immer wieder ein und hält einen noch weiter unten, als es vorher noch der Fall war. Er hat etwas Ambivalentes an sich, dieser Film, wenn er den Zuschauer im Glauben lässt, dass nun alles wieder gut wird, nur um ihn ein paar Sekunden später eines Besseren zu belehren. Immer wieder geschieht das, sodass man sich bald fragt, wie man so töricht sein konnte, jemals auf optimistische Gedanken zu kommen. Xavier Dolan versteht es immer wieder, unfassbar intime und herzerwärmende Momente zwischen die ganzen zermürbenden Szenen zu mischen, die runterziehen, verzweifeln und anstrengen.

Man möchte sich manchmal die Ohren zuhalten und so das Seil der Beziehung zwischen dem Film und dem Zuschauer einfach kappen – aber man kann nicht. Man kommt aus der Affäre nicht heraus, ebensowenig wie Diane und Steve sich ihrem Leben entziehen können. Die angesprochenen intimen Momente jedoch zeigen beeindruckend Xavier Dolans Gespür für kinematische Sequenzen, die in der Verbindung von Bild und Ton hervorragend funktionieren und den Gebrauch von Symbolen und Motiven zelebrieren. Ohne jedoch an emotionaler Wirkung auf den Zuschauer zu verlieren. Der Regisseur/Produzent/Drehbuchautor/Cutter Xavier Dolan, dem immer wieder gerne Style over Substance vorgeworfen wird (spätestens seit Laurence Anyways, seinem bisher erwachsensten Film, jedoch ohne triftigen Grund), vereint hier Stil und Substanz, wenn er in einem 1:1 Bildformat filmt und gleichzeitig eine beeindruckende Geschichte erzählt, die in ihrem bitteren Wahrheitsgehalt, ihrem Gespür, ihrem Weitsinn, der Planung und der Durchführung ganz einfach mehr ist, als man von einem 25-Jährigen erwarten kann.

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