Netflix-Kritik: Roma (MX/US 2018)

Roma 2018 Film Kritik Review
Wow, wow, wow! Es ist zwar schon längst kein Geheimnis mehr, dass Alfonso Cuarón, der mit Y Tu Mamá TambiénChildren of Men, Harry Potter und der Gefangene von Askaban und zuletzt Gravity, (auch wenn ich bei letzterem, trotz aller technischer Qualitäten, nach wie vor nicht die allgemeine Euphorie teile) sich in der Kinolandschaft als einer der versiertesten Filmemacher unserer Zeit einen Namen gemacht hat. Fünf Jahre nach Gravity meldet sich der mexikanische Regisseur nun mit seinem bisher persönlichsten Film zurück: Roma. Und dieser ist ein intimes, in alle Belangen meisterhaftes Epos, welches bedenkenlos mit großen Schwarz-Weiß -Klassikern der Filmgeschichte wie Luchino Viscontis Rocco und seine Brüder, Federico Fellinis Achteinhalb, Francois Truffauts Sie küssten und sie schlugen ihn oder Martin Scorseses Wie ein wilder Stier verglichen werden darf.

Roma erzählt aus dem Leben einer Familie im Mexiko-Stadt der 70er Jahre. In einer schöneren Wohnung im Roma-Viertel lebt diese Mittelklasse-Familie mit vier Kindern und der Haushälterin Cleo, die sich um deren Angelegenheiten kümmert, vor allem um die Kinder, wenn die Mutter und der Vater aus beruflichen Gründen nicht zu Hause sind. Es ist eine Zeit des gesellschaftlich-politischen Umbruchs in Mexiko, welche Alfonso Cuarón in eine ganz persönliche, ebenso subtile wie intim erzählte Familiengeschichte gepackt hat.

Roma ist in erster Linie nämlich ein Film über die Kraft von Erinnerungen – persönlicher, sozialer und auch politischer Natur. Dass Stammkameramann Emmanuel Lubezki für Roma keinen freien Termin finden konnte, ist übrigens das Beste, was diesem autobiografisch motivierten Drama passieren konnte, denn der Blick, den der Zuschauer während der 135 Minuten Spielzeit auf die gesellschaftlichen und innerfamiliären Umbrüche der Anfang 70er Mexiko-Stadts erhält, wird dadurch, dass Alfonso Cuarón selbst auch noch das Drehbuch geschrieben und die Kameraarbeit geschultert hat, nur noch intensiver. Alfonso Cuaróns lange, ruhige Kamerafahrten und -schwenks erreichen in Roma ein ganz neues Level. Manchmal bewegt sich die Kamera sogar eine Zeit lang gar nicht, sondern verweilt lieber, um den Zeitgeist vollkommen in sich aufsaugen zu können. Das bedeutet schon etwas bei all den kameratechnischen Meisterleistungen, die bereits in Children of Men und auch in Gravity zu bestaunen waren. Lange Schwenks, wie zum Beispiel durch die belebten Straßen der mexikanischen Hauptstadt, eingefangen mit einem wunderbaren Schwarz-Weiß-Charme, versetzen den Betrachter ab dem ersten Augenblick vollständig in eine andere Zeit. Als Randvermerk: Der Filmemacher realisierte obendrein eine identische Kopie des ursprünglichen Hauses, in dem er aufwuchs – einschließlich des Mosaiks und einem Teil der Originalmöbel.

Der Film wechselt aber auch mal an andere Schauorte, wie die Slums von Mexiko-Stadt. Selbst bei solchen Szenen sind Alfonso Cuarón mit seinem persönlichen Blick Bilder von immenser Anmut und Eleganz gelungen, die von den Kontrasten sozialer Klassen einer, so scheint es zunächst, längst vergessenen Zeit erzählen. Und im selben Moment ist Roma ebenso modern, wie er Augenblicke der Vergangenheit einfängt.

Vollkommen ist Roma allerdings erst durch seine Protagonistin Yalitza Aparicio in der Rolle der Haushälterin. Sie ist es, aus deren Augen Alfonso Cuarón hauptsächlich seine Erlebnisse schildert. Und etwas Besseres, als Newcomerin Yalitza Aparicio, hätte Alfonso Cuarón nicht passieren können. Die Unschuld und die Menschlichkeit, welche sie mit ihrer Darstellung nuancenhaft verkörpert, bringen dem Zuschauer das ganze Familiendrama noch näher, als es einem eh schon geht, denn sie verleiht dem Geschehen ein heimisches, vertrautes Gesicht.

Roma wird nach seinem Festival-Run (u.a. feierte er in Venedig seine Weltpremiere, wo er mit dem goldenen Löwen als bester Film geehrt wurde) exklusiv auf Netflix veröffentlicht, was für ein Epos dieser Dimension wohl Fluch und Segen zugleich ist. Es ist wichtig für diese Art von Film, dass er die größtmögliche Anzahl von Leuten erreichen kann und dabei ist Netflix aktuell wahrscheinlich die beste Plattform. Wie groß wäre schließlich die Wahrscheinlichkeit, dass ein in schwarz-weiß gedrehter spanischsprachiger Film über das Familienleben im Mexiko der 70er Jahre Millionen von Menschen auf der ganzen Welt erreicht, wenn er nur in den Kinos erscheint. Roma ist andererseits eine weitere cineastische Offenbarung von einem der größten Regisseure unserer Zeit – eine Ode an das weibliche Geschlecht, eine Hommage an das Kino (nicht nur Die große Sause wird zitiert, sondern auch, wie eingangs erwähnt, die großen Kinomeister des schwarz-weißen Dramas gekonnt geehrt) und an die unvergänglichen Gefühle, die Erinnerungen mit sich bringen. Dieses meisterliche Kinostück gehört auf die große Leinwand. Damit ist jetzt also genau der richtige Zeitpunkt für Netflix gekommen, sein Publikationskonzept zu hinterfragen und es Amazon Studios gleichzutun, also zumindest Filme dieser Couleur, wenn auch nur für eine limitierte Zeit, weltweit in die Kinos zu bringen.

Fazit: Es lässt sich vieles über dieses Period Drama erzählen. Aber, um nicht zu viel vorwegzunehmen, mache ich es kurz: Glaubt dem Hype, Alfonso Cuarón hat sich ein weiteres Mal selbst übertroffen und ein zutiefst bewegendes, humanistisches Filmerlebnis geschaffen. Roma ist (s)ein sofortiger zeitloser Klassiker.

Roma erscheint am 14. Dezember 2018 exklusiv bei Netflix. Ab dem 6. Dezember läuft der Film zudem für eine Woche in ausgewählten Kino.

-gesehen im Rahmen des BFI London Film Festivals 2018-

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