Kritik: First Reformed (USA 2017)

First Reformed Kritik

© A24

Even a pastor needs a pastor.

Ernst Toller (Ethan Hawke, Boyhood) betreut eine beschauliche Kirchengemeinde im Staate New York. Er macht seine Arbeit gut, er macht seine Arbeit vor allem gewissenhaft und mit Herzblut. Toller, ein ehemaliger Militärpriester und seit dem Tod seines Sohnes mit Schuldgefühlen beladen, denen kein Mensch auf lange Sicht standhalten kann, befindet sich jedoch im Bruch mit den theologischen wie moralischen Grundsätzen, die sein Glaube ihm voraussetzt. Das Haus Gottes, der Ort der Einkehr, des Schutzes und des Rückhalts scheint sich langsam von dem Reverend zu entfremden. Er findet keine Möglichkeit, sich mit Gott in Verbindung zu setzen, eben genau aufgrund dieser unermesslichen Schuld, die sich auf seinen Schultern abgeladen hat. Neue Kommunikationswege müssen erschlossen wurden, die nicht dem herkömmlichen Weg des Gebets entsprechen.

Direkt in der ersten Szene von First Reformed offenbart Toller seinen Plan: Er will ein Jahr lang Tagebuch führen, um es danach zu verbrennen. Die Gedanken und Erinnerungen, die er niederschreibt, unterscheiden sich nicht von denen, die er auch im Gebet an Gott richten würde, allerdings sieht er nur in der Verschriftlichung seiner An- und Einsichten eine Möglichkeit, in einen Austausch mit seinem Gott zu kommen; ein Sprechen ohne Ritual, eine Bekenntnis ohne liturgisches Konzept. Paul Schrader (Drehbuchautor von Taxi Driver) lässt eigentlich keine Zweifel daran aufkommen, dass Toller immer noch gottesfürchtig ist, sein Konflikt besteht vielmehr darin, dass ihn die Sorge plagt, Gott könnte sich von ihm abgewandt haben, weil er seinen Sohn nicht davor bewahrt hat, in den Irakkrieg zu ziehen.

First Reformed ist kein Kampf um den verlorenen Glauben, es ist die zutiefst melancholische, ungemein präzise beobachtete Passionsgeschichte eines Mannes, der sich der Annahme hingibt, durch Schmerz und Leid wieder in die Nähe von Gott zu geraten. Wie sich schnell herausstellt, ist Toller krank, was für ihn mit einer Strafe gleichzusetzen ist, die er auszuhalten und durchzustehen versucht. Zusätzlich trinkt er, immer mehr, immer unverhältnismäßiger, um sich einer Form der Selbstgeißelung zu unterziehen. Für Toller ist auch Leid eine Form der Sprache, um Gott zu erreichen. Paul Schrader sagte in einem Interview, dass die christliche Religion regelrecht von Blut durchtränkt ist und seine Anhänger verstärkt dazu neigen, sich der Zerstörung ihrer selbst hinzugeben. Als Jünger des kostbaren Blutes, welches Jesus für sie vergossen hat, ist es ihre Pflicht.

Und obgleich First Reformed sich durchweg einem Bezug zur Religiosität verschreibt, hat Paul Schrader hier einen Film inszeniert, der nicht ausschließlich aus religiöser Perspektive zu verstehen ist. Mit der jungen Mary (Amanda Seyfried, Les Misérables) tritt eine Frau in Tollers Leben, die ihn darum bittet, in den Dialog mit ihrem Mann zu treten. Dieser ist ein radikaler Umweltaktivist und der festen Überzeugung, man dürfe keine Kinder mehr in diese Welt setzen – dafür sind die verheerenden Folgen des Klimawandels zu absehbar. Wenn Toller das Gespräch mit Marys Gatten sucht, dann treffen sich zwei Leidensgenossen, die sich in ihrer Verzweiflung einen. Wie soll der Gläubige diesem Mann neuen Lebensmut vermitteln, wenn er doch selbst kaum in der Lage dazu ist, Hoffnung für sich selbst zu entdecken?

Paul Schrader spricht dabei ganz gezielt von globalen Ängsten und artikuliert First Reformed auch als psychologischen Querschnitt durch das Gespinst der Angst einer Gesellschaft, die irreversiblen Katastrophen entgegensteuert und dabei keine Mittel mehr findet, sich selbst lebendig zu erhalten. Terrorismus, Lobbyismus, Klimawandel. Sind wir die Geister, die Gottes Schöpfung rief? In seiner strengen Formalität erinnert Schraders Ägide an die große Namen des Weltkinos, Ingmar Bergman und Robert Bresson sind unzweifelhafte Vorbilder, denen First Reformed Tribut zollt, ohne sich dabei aber seiner eigenen Identität zu entledigen. Tatsächlich besitzt der Film in seiner Schwere, seiner Bedrückung auch eine poetische Schönheit, die nicht nur Ethan Hawkes brillante Performance akzentuiert, sondern First Reformed erst zu dem mehrwertigen, zutiefst moralischen Diskurs über die Unabänderlichkeit der Dinge macht, der er ist. Ein beachtliches Werk.

Wann First Reformed in Deutschland erscheint, ist bisher noch unklar.

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