Kritik zu „Kontinental ’25“: inklusive Interview mit Eszter Tompa

Hendrik Warnke hat im Rahmen der Berlinale 2025 mit Eszter Tompa gesprochen und diese Kritik verfasst.

Hauptdarstellerin Eszter Tompa hat sich auf der Berlinale 2025 Zeit genommen, um mit Autor Hendrik Warnke über die politische Gesellschaftskomödie „Kontinental ’25“ zu sprechen. | © CinemaForever.net

Vier Jahre nach dem Gewinn des Goldenen Bären ist Radu Jude zurück auf der Berlinale. Wie eigentlich immer bei ihm ist auch Kontinental ’25 ein großer Rundumschlag gegen den gesellschaftlichen Status Quo, insbesondere in Rumänien. Soziale Ungerechtigkeit, Nationalismus und moralischer Relativismus sind nur einige Themen, die dabei angesprochen werden. Aber der Reihe nach. Der Film folgt vor allem Orsolya, einer Gerichtsvollzieherin in Cluj-Napoca, der größten Stadt Transsylvaniens. Ihr Leben stellt sich auf den Kopf, als es bei einer Hausräumung, die sie verantwortet, zu einer Tragödie kommt. Von Schuld geplagt, versucht Orsolya auf verschiedene Weisen ihr Gewissen zu beruhigen und Trost bei ihren Mitmenschen zu finden. Doch gerade letzteres ist für sie als Teil der ungarischen Minderheit in Rumänien schwieriger als erhofft.

Der rumänisch-ungarische Konflikt in Transsylvanien findet in den letzten Jahren in einigen Filmen Erwähnung, sehr prominent unter anderem 2022 in Cristian Mungius R.M.N. Es wundert also wenig, dass sich mit Radu Jude auch einer der politischsten Filmemacher der Gegenwart dem Thema annimmt. Transsylvanien gehört (mit Ausnahme des Zweiten Weltkriegs) seit 1920 zu Rumänien und war davor lange Teil von Ungarn. Streit um das Territorium gibt es schon lange, Kriege gab es zuhauf. Historisch lebten in der Region mehrheitlich vor allem ethnische Rumänen, aber auch viele Deutsche und Ungarn. Letztere machen heute noch etwa 17 Prozent der Bevölkerung aus. Frei von Konflikten war die Region auch in der jüngeren Vergangenheit nicht, doch seit einiger Zeit spitzt sich die Lage wieder zu, wie Hauptdarstellerin Eszter Tompa im Interview bei der Berlinale erzählt: „Die Leute fragten mich, warum ich Ungarisch spreche, wenn ich in Rumänien bin. Vorher hatte ich das nicht, aber jetzt ist es ein Trend. Es ist wegen dieser Leute und dieser Parteien.“ (Anm.: Gemeint ist der rechtsextreme Politiker Călin Georgescu, der bei der mittlerweile annullierten Präsidentschaftswahl in Rumänien 2024 die meisten Stimmen bekam, und dessen Lager.)

Eszter Tompa ist wie Hauptfigur Orsolya ethnische Ungarin, lebt aber schon seit vielen Jahren hauptsächlich in Deutschland. Durch ihre Rollen in Kontinental ’25 und Radu Judes nächstem Projekt Dracula sei sie zwar wieder häufiger in Rumänien, dennoch betont sie: „Seien wir ehrlich: Ich lebe in einer Blase. In einer Künstlerblase, in der wir uns gegenseitig lieben, Vielfalt respektieren. Das ist die Ausnahme. Es ist beängstigend, wie viele junge Menschen sich extremistischen Bewegungen anschließen. Das betrifft nicht nur Rumänen und Ungarn, sondern auch Roma und andere Minderheiten. Dabei ist es wichtig, dass wir als Gesellschaft zusammenhalten und respektvoll sind. Kein Nationalismus, sondern Zusammenarbeit.“

Wie eine solche Gesellschaft aussieht, in der es keinen Zusammenhalt mehr gibt, zeigt sich – jeden Tag in den Nachrichten, ja – aber eben auch stark pointiert in Kontinental ’25. Der Film präsentiert eine Realität, in der nur noch Platz für das Individuum gibt und man sich vermutlich an Dinge wie Ethnie oder Nationalität klammert, um das irgendwie zu überkompensieren. Eine Realität, in der sich wahnsinnig schnell echauffiert wird, das Gegenüber beschimpft wird, gleichzeitig aber alles völlig abgestumpft oder egal ist. Und eine Realität, in der ein bequemer Wohlstandsliberalismus dem Faschismus die Hand reicht. Es ist eine Realität, die irgendwie unecht, konstruiert und zu absurd wirkt. Eine hanebüchene Plastikrealität. Im Film höchst amüsant. Schade also, dass es unsere Realität ist.

Realismus bzw. Authentizität im Film ist immer so eine Sache. Wie kann ein Medium authentisch sein, das sich unumgänglich einen zeitlichen und perspektivischen Rahmen setzen muss? In Reinform gar nicht. Aber natürlich hat das Kino Methoden, um Dinge authentischer wirken zu lassen. Lange Einstellungen, Improvisation oder der Verzicht auf Kamerabewegungen sowie Einstellungsgrößen, die das menschliche Auge nicht machen kann. Dinge, die sich wie aus dem Leben gegriffen anfühlen und nicht wie aus dem Kino gelernt. Kontinental ’25 bedient sich all dieser Elemente.

Sei es beispielsweise der Dialog oder der Guerilla-Dreh auf der Straße, die auch Eszter Tompa erwähnt. „Ich habe das vollständige Drehbuch anfangs gar nicht bekommen. Ich habe es erst kurz vor dem Dreh in Teilen erhalten, weil wir Schritt für Schritt gearbeitet haben, Szene für Szene. […] Wir haben bewusst Fehler in den Dialog eingebaut, damit es natürlicher wirkt. […] In der Öffentlichkeit zu drehen, ist wunderbar, weil man nie weiß, was passieren wird. Es gibt das Unerwartete, und die Leute achten nicht mal sonderlich darauf. Sie schauen vielleicht kurz hin, aber sie merken nicht wirklich, dass hier ein Film gedreht wird.“ Doch die Authentizität von Kontinental ’25 macht noch etwas anderes aus: Der Film ist auf einem Handy gedreht. Und das hat neben pragmatischem Nutzen auch eine interessante inhaltliche Lesweise. Denn genauso wie das Kino uns gewisse Ästhetiken lehrt, tun andere Medien das auch. Die Ästhetik eines Handyvideos mit etwas weniger Farbtiefe beispielsweise weckt unausweichlich Erinnerungen an Amateurvideos, Selbstgefilmtes, Social Media. Und was passt besser zum beschriebenen Zwiespalt des Films zwischen echt und unecht als Social Media?

Nein, Kontinental ’25 wird keine Auszeichnung für die beste Kamera erhalten und er besticht auch nicht durch tolle Farben oder interessantes Licht. Aber seine schlichte, reduzierte, in Phasen sogar hässliche Ästhetik fügt sich in sein Thema und seine Erzählung ein. Kontinental ’25 spielt mit einem wechselnden Gefühl zwischen Unmittelbarkeit und Distanz bzw. Künstlichkeit. Der Film wirkt gleichzeitig glatt wie ungehobelt, provokativ wie unspektakulär, irgendwie eine Visualisierung von Doppelmoral und Relativismus. Und damit eine treffende Repräsentation seines Inhalts.

Genau dieser moralische Relativismus ist nämlich ein zentrales Element bei Hauptfigur Orsolya. Eine Person, die sich einredet, Verantwortung übernehmen zu wollen, um das Gesicht zu wahren. Die bei allen ihren Stationen und Gesprächen über Spenden für wohltätige Zwecke oder die Neue Rechte, ihren eigenen Rassismuserfahrungen sowie dem Fehlen von Solidarität von allen Seiten nicht zu verstehen scheint, was das eigentliche Problem ist – das System. Sie bleibt, genau wie alle anderen um sie herum, passiv. Ein System des Passiven, in dem aktiv zu werden, scheinbar unmöglich ist. „Es reicht nicht, nur zu kritisieren. Man muss Verantwortung übernehmen, aktiv sein. Die extreme Rechte organisiert sich, sie baut Strukturen auf. Und was ist mit der Linken? Es reicht nicht, einfach nur ‚bla bla bla‘ zu machen oder Veganer zu sein. Wir müssen wach werden, proaktiv sein, Solidarität zeigen. Gefühle allein reichen nicht, es muss auch harte Arbeit geleistet werden – es sind schwierige Zeiten. Sonst verschwinden wir langsam, wie die Dinosaurier“, betont Eszter Tompa.

Kontinental ’25 zeigt uns (wortwörtlich) eine Gesellschaft wie einen Dinopark. Durchkommerzialisiert, unecht und auf gewisse Weise ausgestorben. Das ist unbequem und liefert keine genauen Antworten auf das Wie. Aber es betont nochmal, wie schlecht wir darin sind, unsere Probleme zu erkennen. Wie absurd und grotesk das ist. Und dass wir es vergessen können, über Lösungen zu diskutieren, solange sich das nicht ändert.

Wir bedanken uns herzlich für das Interview! Kontinental ’25 wird von Grandfilm vertrieben und startet am 9. Oktober 2025 deutschlandweit in den Kinos.

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