Kritik: Possessor (CA, UK 2020)

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© Rhombus Media

Just think, one day your wife is cleaning the cat litter and she gets a worm in her, and that worm ends up in her brain. The next thing that happens is she gets an idea in there, too. And it’s hard to say whether that idea is really hers or it’s just the worm. And it makes her do certain things. Predator things. Eventually, you realize that she isn’t the same person anymore. She’s not the person that she used to be. It’s gotta make you wonder, whether you’re really married to her… or married to the worm.

Ich töte, aber bin ich? So ließe sich das philosophische Dilemma von Possessor zusammenfassen. An der Schnittstelle zwischen Bewusstsein und Welt liegen einzig und allein unsere Körper und die werden in Brandon Cronenbergs zweitem Film nach Antiviral* (2012) dem Titel entsprechend gewaltsam in Besitz genommen und umso blutiger vernichtet. Dass der Verlust der körperlichen Integrität auch mit einem Verlust der seelischen einhergeht, das ist ein Standardmotiv des Body-Horror-Genres, nicht zuletzt dank der einflussreichen Filme von Cronenbergs Vater (Die Fliege, Crash). Nun mag es unfair sein, die Filme des Sohns ständig mit denen des berühmteren Papas abzugleichen, aber Brandon Cronenberg scheut diesen Vergleich bewusst nicht bzw. fordert ihn sogar heraus.

Tasya (Andrea Riseborough) ist eine Auftragskillerin, die Körper fremder Menschen besetzt, um Morde zu begehen. Der Film eröffnet mit solch einem Attentat auf einen weißen Schlippsträger. Tasya hat den Körper der schwarzen Hostess Holly (Gabrielle Graham) besetzt und ermordet ihre Zielperson nicht wie geplant mit ihrer Schusswaffe, sondern auf brutale und langwierige Weise mit einem Küchenmesser. Es ist eine völlig den Rahmen sprengende Kaskade der Gewalt, die nichts mit der Sauberkeit üblicher Filmattentate gemein hat. Es ist ein Ausbruch, der selbst Tasyas Chefin Girder (Jennifer Jason Leigh) verwundert. Woher kommt diese rasende Blutlust? Nach ihrer Tat soll sich Tasya mit ihrer Pistole selbst erschießen und somit ihren Wirtskörper liquidieren, doch ihr Körper rebelliert und erbricht sich. Erst der Kugelhagel der anrückenden Polizeieinheit schaltet Hollys Körper aus. Tasya dagegen erwacht in ihrem – wobei auch das nie ganz sicher ist – eigenen Körper. Es ist der einer weißen Frau im mittleren Alter: strähniges Haar, eingefallenes Gesicht und leere große Augen. Es ist eine eindrückliche Erscheinung. Über Tasya als Figur erzählt sie uns allerdings wenig.

Wie alle cleveren Science-Fiction-Filme fragt Possessor nach den gesellschaftlichen Auswirkungen des wissenschaftlichen Fortschritts. Hier: die Entkopplung von Leib und Seele. Dieses Novum nimmt Cronenberg narrativ und ästhetisch ernst. Denn wenn die Einheit von Körper und Geist aufgelöst ist, wird auch die Beziehung zwischen Subjekt und Welt instabil. In dieser Konsequenz kann man sich als Zuschauer*in nie sicher sein, dass die Figuren die sind, die sie sind, und dass die Welt die ist, die wir wahrnehmen. Wenn Tasya im Verlauf des Films den Körper eines Mannes besetzt, der mit der Erbin eines reichen Geschäftsmanns (Sean Bean) verlobt ist, kann sie den Geist ihres okkupierten Leibs nicht gänzlich unterdrücken und es kommt zu einem mentalen Kampf um die Vorherrschaft des Körpers. Es wird immer schwerer zu unterscheiden, wessen Taten Tasyas und welche die ihres Wirts sind. Auch unserer Empathie werden dadurch Grenzen gesetzt, da die Gefühle der Figuren in ihrer Ursächlichkeit unklar bleiben. Wer weint diese Tränen? Wessen Aggression ist das?

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Mithilfe kleiner Gegenstände aus Tasyas Leben soll nach dem Attentat zu Filmbeginn überprüft werden, ob ihr Geist „unbeschadet“ zurückgekehrt ist. Sie muss sich die Gegenstände einen nach dem anderen anschauen und sagen, welche Referenz sie in ihrem Leben besitzen. Erinnert sie sich richtig, dann ist alles gut – so scheint es. Für uns bleibt Tasya aber bis zuletzt mehr Chiffre als Figur. Sie lebt anscheinend getrennt von ihrem Mann und dem gemeinsamen Sohn, die nicht wissen, was sie beruflich macht. Ihre Familienbesuche studiert sie genauso ein wie den Habitus ihrer zukünftigen Wirte, damit sie, sobald sie ihre Körper besetzt, nicht durch ihr Verhalten auffliegt. Ist Tasya nun die, dessen Biografie durch die Gegenstände referenziert wird? Ist sie einfach eine liebende Mutter, die auch als Auftragskillerin arbeitet, wie auch immer das zusammen passt? Und wenn ja, woher kommt dann diese unkontrollierbare Mordlust, die Tasya bei ihren Aufträgen überfällt? Wie man es auch dreht und wendet, aus Tasya wird keine vollständig erzählte Figur, deren Handeln psychologisch nachvollziehbar ist. Sie bleibt ein Rätsel und weil wir den Film durch ihre trügerische, identitätsdiffuse Perspektive erleben, wird auch das Handlungsgeschehen und die Welt verrätselter.

Am besten ist Possessor, wenn er mentale Prozesse verbildlicht und verständlich macht, wie z.B. den Transfer von Tasyas Geist mithilfe schmelzender Wachspuppen. Schlussendlich bleibt der Film aber ein Mosaik, zersplittert wie seine Figuren in ihrer zersplitterten Welt. Brandon Cronenberg gelingen durchaus beunruhigende Szenen, die leider oft nur für sich alleine stehen. Eine weiße Frau besetzt schwarze und männliche Körper. Die impliziten Kolonisations- und Genderdiskurse werden allenfalls angerissen. Es wird deutlich: Im Gegensatz zu seinem Vater, ist Brandon Cronenberg kein Rhetoriker. Es fehlt ein argumentatives Netz zwischen den gestreuten (Bild-)Ideen. Das ist natürlich auch dem thematisch motivierten Verzicht auf ein konventionelles Erzählmuster geschuldet. Possessor will eben mehr Enigma als Allegorie und mehr Autor*innen- als Genrefilm sein. Aufgrund dieser grundsätzlichen, formalen Indie-Askese kommt deshalb nicht selten Langeweile auf. Abseits dieses Leerlaufs gibt es aber zumindest Bruchstücke eines visionären Sci-Fi-Films zu enträtseln.

Possessor startet am 1. Juli 2021 deutschlandweit in den Kinos.

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