Kritik von Marc Trappendreher
Expedition ins Innere: Land der Schwarzen Sonne von Bob Rafelson
Mit dem Blu-ray-Release von Bob Rafelsons Land der schwarzen Sonne (Mountains of the Moon, USA 1990) durch Camera Obscura erfährt ein Film seine längst überfällige Wiederentdeckung, ein Film, der sich stets quer zu den Erwartungen seines Genres stellte und das Abenteuergenre gleichsam von innen heraus dekonstruiert.
Im Zentrum stehen zwei reale Figuren der britischen Entdeckungsgeschichte: Sir Richard Francis Burton und John Hanning Speke. Mitte des 19. Jahrhunderts brechen sie auf, um die Quelle des Nils zu finden – ein Unterfangen, das nicht nur geographisch, sondern auch menschlich in unbekanntes Terrain führt. Schon früh wird deutlich, dass Land der schwarzen Sonne weniger an der kartografischen Leistung interessiert ist als an der Dynamik zwischen seinen Protagonisten. Aus anfänglicher Kameradschaft entwickelt sich schleichend ein Dissens, der sich im Verlauf der Expedition zuspitzt und schließlich in der Heimat England seine destruktiven Konsequenzen entfaltet.
Rafelson inszeniert diese Entwicklung mit bemerkenswerter Zurückhaltung. Statt dramatischer Überhöhungen dominieren Zwischentöne: Blicke, Gesten, kleine Verschiebungen im Machtgefüge. Patrick Bergin gibt Burton als neugierigen, intellektuellen Kosmopoliten, der sich den Kulturen Afrikas mit echtem Interesse nähert, während Iain Glen seinen Speke als zunehmend getriebenen Ehrgeizling zeichnet, dessen Bedürfnis nach Anerkennung in Verbissenheit umschlägt. Die Reibung zwischen diesen beiden Polen bildet das emotionale Gerüst des Films – eine fragile Balance aus Bewunderung und Konkurrenz, die jederzeit zu kippen droht.
Dabei verweigert sich der Film konsequent den üblichen Mechanismen des Abenteuerkinos. Zwar fehlt es nicht an Strapazen – Krankheiten, Hunger, Überfälle, die feindselige Natur –, doch werden diese Elemente nie zum Selbstzweck. Rafelson interessiert sich weniger für spektakuläre Setpieces als für die Auswirkungen dieser Erfahrungen auf seine Figuren. Die Reise wird zur Prüfung, die nicht nur körperliche Grenzen aufzeigt, sondern auch moralische und charakterliche Brüche offenlegt.
Visuell entfaltet Land der schwarzen Sonne dabei eine stille Qualität. Die von Roger Deakins (später Stammkameramann der Gebrüder Coen, 1917, James Bond: Skyfall, etc.) eingefangenen Landschaften erscheinen gleichermaßen überwältigend wie gleichgültig gegenüber den Ambitionen der Menschen. Afrika erscheint hier als eigenständiger Raum, der sich einer vollständigen Vereinnahmung entzieht, zugleich aber nicht gänzlich außerhalb tradierter Bildmuster, wie sie zuvorderst Out of Africa (1985) popularisierte, steht – faszinierend, bedrohlich, unberechenbar.
Vor diesem Hintergrund lohnt ein Blick auf die Darstellungslogiken des Abenteuergenres selbst. Wie Marcus Stiglegger in seiner kommenden Studie Mediale Projektionen des ‚Anderen‘ herausarbeitet:
Seit den Anfängen des Kinos wurden indigene Menschen überwiegend aus der Perspektive kolonialer Machtverhältnisse dargestellt. Frühe Western oder Abenteuerfilme reproduzierten ein dichotomisches Weltbild von Zivilisation versus Wildnis, das indigene Kulturen als rückständig, gefährlich oder exotisch markiert. Wiederkehrende Stereotypen wie der „edle Wilde“, der „spirituelle Führer“ oder der „blutrünstige Krieger“ reduzieren komplexe Gesellschaften auf eindimensionale Figuren und tragen zur Entmenschlichung bei.[1]
Vor diesem theoretischen Hintergrund nimmt Rafelsons Film eine ambivalente Position ein. Er unterläuft diese tradierten Muster in entscheidenden Momenten, ohne sich vollständig von ihnen zu lösen. Besonders deutlich wird dies in der Begegnung mit einem afrikanischen Stammeskönig: In einer längeren Sequenz werden Burton und Speke an dessen Hof geführt – eine erste direkte Konfrontation zweier kultureller Systeme. Der König, zunächst fasziniert von Burtons Revolver, erkennt dessen Funktionsweise nicht und erschießt versehentlich einen Untergebenen. Nachdem ihm die tödliche Logik der Waffe bewusst wird, nutzt er sie gezielt zur Machtdemonstration, indem er einen intriganten Minister hinrichtet.
Die Szene bewegt sich dabei in einem Spannungsfeld: Einerseits reproduziert sie ein klassisches Motiv kolonialer Erzählungen – die vermeintliche „Naivität“ indigener Figuren im Umgang mit technologischer Überlegenheit. Andererseits verschiebt sie diese Perspektive, indem sie den Moment der Aneignung zeigt. Der König bleibt nicht passives Objekt, sondern wird zum Akteur, der sich die zerstörerischen Mittel der „Zivilisation“ zu eigen macht. Die Gewalt erscheint hier nicht als kulturell exklusives Merkmal, sondern als übertragbares Prinzip – ein entscheidender Bruch mit der moralischen Hierarchie klassischer Abenteuerfilme.
Auch in der Gegenüberstellung seiner beiden Protagonisten reflektiert der Film unterschiedliche Haltungen gegenüber dem „Fremden“. Während Speke die einheimische Bevölkerung zunehmend aus einer Position der Distanz und Überlegenheit betrachtet, verkörpert Burton eine offenere, ethnografisch geprägte Perspektive. Er lernt Sprachen, beteiligt sich an Ritualen, tanzt mit den Menschen vor Ort und sucht den Austausch – etwa im Verhältnis zu seinem Begleiter Mabruki (Delroy Lindo), das über ein rein funktionales Abhängigkeitsverhältnis hinausweist. Der Film entfaltet so ein Spannungsfeld zwischen kolonialem Zugriff und dem Versuch einer Annäherung.
Gleichzeitig bleibt diese Öffnung begrenzt. Die afrikanischen Figuren erhalten nur selten narrative Eigenständigkeit und verbleiben weitgehend im Umkreis der europäischen Perspektive. In diesem Sinne bestätigt sich eine zweite Beobachtung Stigleggers, wonach das Genrekino trotz neuerer Differenzierungsversuche „lange Zeit zur Reproduktion stereotyper und kolonialer Bilder indigener Kulturen beigetragen“ hat.[2] Zwar lassen sich auch Gegenbewegungen erkennen, die diese Narrative infrage stellen, doch bleiben sie häufig an die Perspektiven westlicher Figuren gebunden.
Vor diesem Hintergrund unterscheidet sich Rafelsons Film zwar von zeitgenössischen Produktionen wie Der nut den Wolf tanzt (auch 1990), die das Bild des „edlen Wilden“ in einer paternalistisch idealisierten Form fortschreiben. Doch auch Land der schwarzen Sonne entkommt dieser Problematik nicht vollständig. Die Reflexion des kolonialen Blicks bleibt an die Wahrnehmung seiner europäischen Protagonisten gebunden und macht damit zugleich die Grenzen dieser Perspektive sichtbar.
Dazu verleiht die eröffnende, fanfarenhafte Blechblasmusik und die von treibenden Trommeln geprägte Klangkulisse von Michael Small dem Geschehen zunächst eine archaische Wucht und beschwört den Aufbruch ins Abenteuer in fast klassischer Form. Doch sukzessive entfaltet der Film eine zunehmend melancholische Grundstimmung: Die vermeintlich große Entdeckung verliert an Bedeutung gegenüber dem, was auf persönlicher Ebene zerbricht.
Auch die Gewichtung der beiden Protagonisten wirkt stellenweise unausgewogen, da Burton deutlich mehr Raum erhält, während Spekes innere Entwicklung weniger differenziert erscheint. Dennoch gelingt es Land der schwarzen Sonne, sich nachhaltig von konventionellen Erzählmustern abzuheben. Der Film vertraut auf seine Figuren und ihre Konflikte, statt auf dramaturgische Zuspitzung um jeden Preis. Selbst zentrale Wendepunkte werden eher angedeutet als ausgespielt – eine Distanz, die Raum für Interpretation lässt.
Die aktuelle Blu-ray-Veröffentlichung bietet nun die Gelegenheit, diesen ungewöhnlichen Film neu zu betrachten. Gerade im heutigen Kontext, in dem historische Stoffe häufig auf spektakuläre Schauwerte reduziert werden, wirkt Rafelsons Ansatz fast schon aus der Zeit gefallen – im besten Sinne. Land der schwarzen Sonne ist kein Film über das Finden eines Flusses, sondern über den Verlust von Gewissheit: über Freundschaft, über Wahrheit, über den eigenen Platz in der Welt. So bleibt am Ende weniger das Bild einer triumphalen Entdeckung als das einer schleichenden Entfremdung.
Dass dieser leise, sperrige Film lange Zeit kaum Beachtung fand, wirkt im Rückblick fast folgerichtig. Er passt weder in die Tradition des klassischen Abenteuerkinos noch in die Erzählmuster moderner Historienfilme – und erscheint selbst innerhalb der von desillusionierten Figuren und existenziellen Konflikten geprägten Filmografie Bob Rafelsons – etwa Five Easy Pieces (1970), Der König von Marvin Gardens (1972) oder Wenn der Postmann zweimal klingelt (1981) – als Ausnahmeerscheinung. Gerade in dieser Zwischenstellung entfaltet er jedoch eine eigentümliche Größe, die ihn zu einem der interessantesten Spätwerke des Regisseurs macht. Nicht ohne Grund gilt er heute vielen als eigentliches Hauptwerk.
Die vorliegende Mediabook-Edition bei Camera Obscura trägt dieser Neubewertung Rechnung. Neben der überzeugenden Bild- und Tonqualität bietet sie umfangreiches Bonusmaterial – Interviews, ein Making-of sowie ein ausführliches Booklet mit einem Text von Steffen Wulf und einem Vorwort von Dominik Graf, das den Film kontextualisiert und vertieft.
Gerade vor dem Hintergrund aktueller Debatten um Repräsentation und koloniale Bildtraditionen erweist sich diese Wiederveröffentlichung als besonders aufschlussreich: Land der schwarzen Sonne ist kein Film, der sich einfachen Lesarten fügt, sondern einer, der die Mechanismen des Abenteuer- und Entdeckerkinos sichtbar macht, ohne sie vollständig hinter sich zu lassen. In seiner Ambivalenz – zwischen Faszination und Distanz, Aneignung und Reflexion – verweist er auf die historischen und ideologischen Bruchlinien eines Genres, das lange Zeit zur Stabilisierung kolonialer Perspektiven beigetragen hat.
Rafelsons Film erinnert daran, dass die eigentlichen Expeditionen im Inneren stattfinden – und dass auch der Blick auf das „Fremde“ selbst Teil dieser Bewegung ist. So bleibt am Ende nicht nur ein Film, der neu entdeckt werden will, sondern auch die Gewissheit, dass Labels wie Camera Obscura mit solcher Sorgfalt und Leidenschaft genau jene Werke ins Licht rücken, die allzu lange im Schatten standen. Und vielleicht ist genau das die schönste Würdigung dieses Releases: dass er einem Film, der von der Suche handelt, selbst eine neue Heimstatt gibt.
Weiterführend:
Koch, Michelle: Bob Rafelson. In: Thomas Koebner (Hg.): Filmregisseure. Biographien, Werkbeschreibungen, Filmographien. Stuttgart: Reclam 2008.
Seeßlen, Georg: Filmwissen Abenteuer. Grundlagen des populären Films. Marburg: Schüren 2011.
Stiglegger, Marcus: Mediale Projektionen des ‚Anderen‘: Indigene Kulturen im Genrekino. Wiesbaden: Springer VS 2026. [im Erscheinen]
Traber, Bodo / Wulff, Hans J. (Hg.): Filmgenres: Abenteuerfilm. Stuttgart: Reclam 2004.
[1] Stiglegger, 2026
[2] Ebd.
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Dt. Kinostart: 10. Mai 1990
Release Blu-ray: 19. März 2026
Verleih Blu-ray: CameraObscuraFilms
Regie: Bob Rafelson
Darsteller: u.a. mit Patrick Bergin, lain Glen und Fiona Shaw
FSK-Freigabe: ab 12
Laufzeit: 2 St. 16 Min.
★★★★★★☆☆
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