Kritik: Poor Things (GB 2023) – Emma Stones sexuelle Befreiung

– gesehen im Rahmen der 80. Filmfestspiele von Venedig 2023, Kritik erstmals zu lesen am 1. September 2023 –

Poor Things 2023 Film
Dr. Godwin Baxter und seine menschliche Kreation Bella

How marvelous!

Als „Sie ist ein Experiment. Ihr Gehirn und ihr Körper sind nicht ganz synchron.“ stellt uns der unorthodoxe Dr. Godwin Baxter (kaum wiederzuerkennen: Willem Dafoe in einer seiner bis heute eindrucksvollsten Verwandlungen) seine neueste medizinische Errungenschaft vor. „Aber sie macht enorme Fortschritte.“ Dies markiert den Anfang der Geschichte seiner Schöpfung: Bella Baxter (gespielt von Emma Stone), einer jungen Frau, in deren Körper nach ihrem Selbstmord das Hirn ihres eigenen ungeborenen Babys implantiert wurde. Nun möchte er beobachten, wie sich das Babygehirn in ihrem erwachsenen Körper entwickelt. Doch natürlich verläuft nicht alles wie geplant, denn schneller als erwartet entwickelt Bella ein rebellierendes Eigenleben.

Wer dachte, es könne nicht noch amüsanter, makabrer und surrealer werden, wird bei Yorgos Lanthimos’ jüngstem Regiewerk eines Besseren belehrt. Das griechische “Genie” hat sich mittlerweile diesen Status mehr als verdient. Seit fast 15 Jahren versorgt er die Filmwelt mit einer faszinierenden cineastischen Attraktion nach der anderen und bleibt dabei seinen eigenwilligen Visionen treu. Angefangen im Jahr 2009 mit Dogtooth, gefolgt von The Lobster (2015), The Killing of a Sacred Deer (2017) und The Favourite – Intrigen und Irrsinn (2018) – seine filmischen Welten sind eigensinnig, unbeschreiblich originell und lösen nicht selten eine widersprüchliche Rezeption aus Abscheu und lautem Lachen aus.

Poor Things bildet hier keine Ausnahme. Yorgos Lanthimos wagt sich nun in Zusammenarbeit mit Tony McNamara (der für das Originaldrehbuch von The Favourite für einen Oscar nominiert war) erstmals an eine Romanadaption heran. Die gleichnamige Vorlage des schottischen Autors Alasdair Gray passt hierbei perfekt zum unverwechselbaren Stil von Yorgos Lanthimos, der sich oft durch absurde Dialoge, durchweg unkonventionelle Erzählstrukturen und angsteinflößende, surreale Elemente auszeichnet. Lanthimos’ offensichtliches Streben nach Innovation und Originalität hat ihm einen festen Platz in der zeitgenössischen Filmwelt gesichert. Mit der Verfilmung von Grays feministischer, von Frankenstein inspirierter Erzählung hat er jetzt die ideale Romanvorlage gefunden, um erneut seine aus dem Rahmen fallenden Ideen auszuleben.

Lanthimos’ Filme werfen oft einen unerbittlichen Blick auf die menschliche Natur und die dunklen Seiten des Menschseins, was dazu dient, die Tiefen der menschlichen Psyche zu erkunden. In Dogtooth beispielsweise werden Kinder von ihren Eltern in völliger Isolation aufgezogen und von der Außenwelt abgeschirmt, was zu einer Verzerrung ihrer Wahrnehmung und ihrer Entwicklung führt. Dies ermöglichte Lanthimos erstmals, die Grenzen und Absurditäten der menschlichen Natur zu erforschen.

Poor Things Emma Stone
Bella Baxter und ihr Liebhaber Duncan Wedderburn auf Europareise

Ebenfalls setzt er immer wieder verstärkt auf sehr unkonventionelle und oft verstörende Weise den Fokus auf zwischenmenschlichen Beziehungen. In The Lobster erforschte er die Idee von Liebe, Romantik und Partnerschaft in einer aus den Fugen geratenen Welt, in der Menschen gezwungen sind, innerhalb einer festgelegten Frist einen Partner zu finden, oder sie werden in ein Tier ihrer Wahl verwandelt.

Die Themen dieser beiden Filme treffen nun auf Bella Baxter. Nach ihrer Wiedergeburt als Baby in einem erwachsenen Körper erlebt Bella die Welt mit unaufhaltsamer Energie. Das hatte Dr. Baxter so nicht erwartet und er entwickelt unerwartet starke väterliche Gefühle für sie. Schließlich entdeckt sie ihre sexuelle Natur und möchte mit ihrem Liebhaber (ebenfalls Oscar-würdig: Mark Ruffalo) die Welt bereisen, was ihrem Schöpfer natürlich zunächst überhaupt nicht gefällt. Dr. Baxter möchte sie lieber bei sich behalten, abseits der harschen Realitäten dieser Welt. Er muss sich aber auch eingestehen, dass er Bella irgendwann gehen lassen muss.

Emma Stone entwickelt sich in ihrer neusten Rolle kontinuierlich weiter und ihre schauspielerischen Fähigkeiten werden wirklich immer unvergesslicher. Sicherlich: Spätestens seit 2016 sollte jedem bewusst sein, dass sie zweifellos zu den talentiertesten Hollywood-Schauspielerinnen ihrer Generation gehört. Ihre musikalische Performance in La La Land brachte ihr den wohlverdienten Oscar als beste Hauptdarstellerin ein. Und seitdem hat sie mich immer wieder mit ihrem Charme und ihrer beeindruckenden komödiantischen Vielseitigkeit verblüfft, wie in Cruella (allein sie machte die Disney-Realverfilmung zu einem sehenswerten Erlebnis) und in The Favourite (für diese herausragende komödiantische Leistung hätte man ihr gut und gerne einen weiteren Oscar verleihen können). Als Bella Baxter übertrifft sich Emma Stone jedoch nochmals in vielerlei Hinsicht selbst, erforscht Grenzen, macht sich nicht nur emotional blank und durchlebt in ihrer Rolle eine der unvergesslichsten Odysseen der jüngeren Filmgeschichte.

Emma Stones Reise als Bella Baxter wird von einem wunderbar ungewöhnlichen Soundtrack begleitet, komponiert von Jerskin Fendrix. Dies markiert sowohl Fendrix’ erste Erfahrung mit der Komposition von Filmmusik als auch Yorgos Lanthimos’ erste Verwendung eines Original-Soundtracks in seinen Werken. Dies zeigt sich in einem faszinierend ungewöhnlichen Klangteppich. Darüber hinaus beeindrucken die Kameraarbeit, die kunstvollen Sets, die Kostüme und die handgefertigten Effekte gleichermaßen und tragen zur Gesamterfahrung des Films bei. Inhaltlich wird es hier sicherlich noch einiges zu diskutieren geben, da Poor Things aber erst ein ein paar Monaten in den Kinos startet, möchte ich sonst nicht noch mehr vorweg nehmen.

Fazit: Ich weiß zwar nicht, ob die Welt für diesen gewagten Film bereit ist. Ich zumindest hatte schon lange nicht mehr so viel Spaß bei einem Kinobesuch. Szenenapplaus und anhaltendes Gelächter bei der Weltpremiere in Venedig zeugen von einem nicht nur humorvollen Geniestreich. Poor Things zieht seine Zuschauer durchgehend in eine unberechenbare Selbstfindungsgeschichte, die vor ungebändigter Kreativität und schauspielerischen Glanzleistungen strotzt. Mit dem Werbeslogan “An experience unlike any other” wurden im Vorfeld große Erwartungen geweckt, doch Yorgos Lanthimos und sein Team schaffen es nicht nur, diese Erwartungen zu erfüllen, sondern sogar noch mehr zu bieten, als ich mir erhofft hatte. Poor Things ist eine diskutable, erfinderische, fantasievolle sowie geistreiche Großtat, und somit mein neuer Favorit unter Lanthimos’ Filmen. Sein nächster Film Kinds of Kindness, erneut mit Emma Stone und Willem Dafoe sowie mit Jesse Plemmons und Hong Chau, befindet sich übrigens schon in der Produktion – immer her damit!

★★★★★★★★

Poor Things startet am 18. Januar 2024 deutschlandweit in den Kinos.

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