Kritik: Take This Waltz (CA 2011)

Take-This-Waltz-Michelle-Williams

I just bought a new melon baller and I’d like to gouge out your eyes with it.

Es ist schon ein Trauerspiel: Während seichte Teenie-Romanzen beinahe Schlag auf Schlag das moderne Kino überschwemmen, dürfen wirklich reife Auseinandersetzungen über die Liebe und ihre Auswirkungen nur sporadisch über die Leinwände flimmern. Und werden dann auch noch vom Publikum weitestgehend übergangen, weil entweder die heuchlerischen Posterboy-Illusionen nicht gefüttert werden oder die Geschichte einfach zu real wirkt und dem Zuschauer zu nahe treten könnte, weil er sich wiedererkennen und gegebenenfalls so manches schmerzhaftes Eingeständnis bewerkstelligen müsste. Qualitätsware der Marke Liebe von Michael Haneke oder auch Derek Cianfrance Indie-Meisterwerk Blue Valentine lassen den geneigten Cineasten weiterhin hoffen, dass sich die engagierten Autorenfilmer nicht von Miley Cyrus und Konsorten unterkriegen lassen, auch wenn der kommerzielle Erfolg weiterhin ausbleiben dürfte. Auch Sarah Polleys Take This Waltz ist ein Paradeexempel dafür, wie man gegen den Sturm der Wischiwaschi-Rom-Coms ankämpft, ohne einen Schiffbruch zu erleiden.

Margot ist 28 Jahre, steht mitten im Leben und ist glücklich mit Lou, einem Kochbuchautoren, verheiratet. So denkt sie jedenfalls. Nachdem sie aber auf einer Geschäftsreise den ungebundenen Daniel kennenlernt und Gefallen an seinem nonchalanten Charme findet, beginnt sie leise an ihrer eigentlich gefestigten Ehe zu zweifeln. Als sie dann auch noch herausfindet, dass Daniel seit kurzer Zeit ihr direkter Nachbar ist, scheint sie etwas in ihm zu erkennen, was sie in der Beziehung mit Lou augenscheinlich vermisst und kommt ihm immer näher. Margot möchte allerdings auch den herzensguten Lou nicht aufgeben und steht zwischen den beiden Männern. Doch sie muss eine Entscheidung treffen, die alles verändern wird…

In Blue Valentine und in gewisser Weise auch in Brokeback Mountain wurde Michelle Williams bereits vor der Kamera Opfer der Höhen und Tiefen einer Liebe und stellte wiederholt eindrucksvoll unter Beweis, wieso sie zu den besten Darstellerinnen ihrer Generation gehört und in Zukunft mit Jessica Chastain, Naomi Watts und Marion Cotillard um den Thron des Schauspiels streiten darf. In Take This Waltz gibt Michelle Williams facettenreich ihre Margot als schüchterne, leicht notorische und doch verspielte Endzwanzigerin, die immer irgendwie auf der Suche nach dem Klang ihres Herzens zu sein scheint. Mit Seth Rogen als Schauspielehemann Lou hat Polley ein interessantes Duo zusammengebracht, denn wo Rogen eigentlich eher als postpubertärer Sympathisant bekannt ist, gibt er hier eine zurückhaltende, nuancierte Vorstellung, die Lust auf mehr macht. Und dann wäre da noch Luke Kirby, der das Trio mit seinem Daniel leise abrundet und immer wunderbar zwischen gefühlsbetont und unbekümmert umherspringt.

Man muss sich vor Augen führen, dass Werke im Format des New-Hollywood-Klassikers Wer hat Angst vor Virginia Woolf?* wahrscheinlich nicht mehr produziert werden und ein auf Zelluloid gebannter Ehekrieg, der in seiner ganzen zerfleischenden Demütigung nur in voller Wahrhaftigkeit verdeutlicht, wie abhängig zwei Menschen voneinander sein können, ein Teil der Vergangenheit ist. Aber auch die Liebe als zentrales Thema eines Filmes scheint inzwischen ausgelutscht zu sein und jeder Aspekt dieser unbezwingbaren Emotion ausformuliert. Nur, muss ein guter Film dieser Art wirklich immer von seiner Innovationskraft leben oder darf er sich nicht auf ähnliche Themengefilde stützen, solang er diese authentisch erzählt? Die Antworten findet man eben in genau diesen Filmen wie Blue Valentine, Like Crazy und Perfect Sense. In ihrem Grundplateau sind sie alle wenig revolutionär, doch die Narration und Aufmachung bedient sich genau der ehrlichen Authentizität, die ein Liebesfilm nun mal braucht.

Gleiches gilt auch für Take This Waltz, der sein Publikum nie anhand einer sich anbahnenden Ehekrise zu depressiven Ausuferungen einladen und an der privaten Zweisamkeit zweifeln lassen möchte, sondern sich vielmehr durchgehend authentisch und subtil durch das aufgeladene Szenario bewegt, den Zuschauer vielleicht auch zum Nachdenken anregt, ihn aber niemals auf den Pfad der emotionalen Hoffnungslosigkeit führt, um ihm seine „Nichts ist für immer“-Mentalität vor den Kopf zu knallen. Sarah Polley setzt auf leise Zwischentöne und legt großen Wert auf die Mimik und Gestik ihrer Protagonisten; die mannigfache Körpersprache darf hier so manchen Weg in die sich anpirschende Gewissenhaftigkeit ebnen. Wenn man der Inszenierung von Take This Waltz etwas ankreiden möchte, dann ist es zum Einen der Eindruck, dass manche Szenen doch etwas zu konstruiert daherkommen und zum Anderen die Verwendung von gekünstelten Stilmitteln, die sich zwar der sommerlichen Farbprägung des Filmes anpasst, dem realistischen Kern jedoch nur bedingt in die Karten spielt.

Fazit: Erfrischend ehrlich, berührend und sensibel: Genau das ist Take This Waltz. Sarah Polley beweist, dass sie ein wunderbares Händchen für subtile Zwischentöne besitzt und verkauft ihren Indie-Liebesfilm als nuancierte, bittersüße Geschichte über zwischenmenschliche Geborgenheit, leise Zweifel und den riskanten Umbruch. Dabei lebt der Film vollkommen von seinem tollen Schauspieltrio, die jede Emotion durch und durch authentisch verkaufen, wenngleich die Inszenierung durch ihre gekünstelten Effekte ein ums andere Mal doch zu dominant wirkt und den Blick vom Wesentlichen abrückt. Nichtsdestotrotz: Take This Waltz ist wunderbares und aufrichtiges Gefühlskino.

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