Berlinale 2019 – Blutige Handschuhe und der Kampf um die billigen Plätze

Berlinale 2019

10 Tage eingesperrt in dunklen Räumen. Die Strapazen eines Filmfestivals fördern das wahre „Ich“ der Filmkritiker zu Tage. Dies ist auch auf der Berlinale nicht anders. Das Schwein im Menschen kommt spätestens dann zum Vorschein, wenn der Kampf um die besten Sitzplätze beginnt. Dass gedrängelt und geschubst wird und sich einige Leute kackdreist in die Warteschlange mogeln, bin ich inzwischen gewohnt. Bei einer Vorstellung von Flatland, dem Eröffnungsfilm der Sektion Panorama, ist jedoch etwas vorgefallen, dass ich so noch nicht erlebt habe: Im rammelvollen Kino beschloss mein Sitznachbar kurz nach Vorstellungsbeginn noch einmal seinen Sitz zu verlassen und die Toilette aufzusuchen. Ein folgenschwerer Fehler, denn just zu dieser Zeit wurden auch die Nachrücker in den Saal gelassen. Kaum war mein Nebenmann aus dem Sichtfeld verschwunden, stürmte eine Kinobesucherin zielstrebig auf seinen Platz und machte es sich dort gemütlich. Dabei ignorierte sie sowohl dessen Klamotten, die dieser auf seinem Sitz zurückgelassen hatte, als auch dessen Rucksack und die wütenden Kommentare seiner Begleiterin, die zurecht ärgerlich erregt auf den Platzgeier einredete. Frei nach dem Motto „weggegangen, Platz vergangen“ lies sich die Besetzerin auch nicht mehr vertreiben, und drückte sich nach einem kurzem Austausch von Beleidigungen mit unbeirrbarer Ruhe in den Sitz. Meinen eigentlichen Sitznachbarn habe ich kurz nach dem Ende des Films noch einmal gesehen. Er muss bereits bemerkt haben, dass sein Platz von einer anderen Person eingenommen worden ist – er hat sich wohl für einen der Restplätze mit erbärmlicher Sicht in der ersten Reihe entschieden. Es wäre wahrscheinlich auch ein aussichtsloser Kampf geworden, der allerhöchstens durch beherztes Eingreifen einer Rausschmeißertruppe gelöst hätte werden können. Da wir uns aber bereits eine Viertelstunde im Film befanden, war ich ganz dankbar, dass die Situation nicht vollends eskaliert ist. Das Böse gewinnt immer – auch auf der Berlinale.

Der goldene Handschuh, 2019, Film, Kritik, Review, Berlinale 2019

Oder vielleicht doch nicht? Fritz Honka jedenfalls, der monströse Serienkiller aus Fatih Akins Verfilmung Der Goldene Handschuh wurde glücklicherweise von der Presse ordentlich abgestraft. Und das auch zurecht. Akin verzichtet auf jegliche Charakterisierung seiner Figuren. Die Besucher des Goldenen Handschuhs, die auf dem Boden der Alkoholflaschen versuchen, ihrer eigenen Vergangenheit zu entkommen, werden hier für den schnellen Witz verbraten. Gleiches geschieht auch mit Fritz Honka, dem jede Menschlichkeit entzogen wird. Heinz Strunk lies den Leser tief in die Gedankenwelt des kranken Honka blicken, räumte dessen Anstrengungen, sich scheinbar funktionierend in die Normalität der Gesellschaft einzugliedern, einen Platz ein, und versuchte sich an einer Charakterisierung eines krankhaften Serienkillers. All dies scheint in Fatih Akins Verfilmung überflüssig. Der mordgeile Säufer wird zu einer Personifizierung des reinen Bösen, einer würdelosen Bestie, die sich stolpernd und strauchelnd durch die Gassen des Vergnügungsviertels bewegt. Akin erschafft groteske Karikaturen, die mit den tragikomischen Figuren aus dem Roman wenig gemein haben. Der Goldene Handschuh ist ein blutüberströmtes Schlachthaus-Kammerspiel. Es wirkt, als hätte der Regisseur sich komplett auf die expliziten Gewaltausbrüche des Buchs beschränkt und diese ohne tieferes Verständnis für die Materie aneinandergereiht – einfach um zu schocken, um die Zuschauer abzuschrecken, um zu provozieren. Hier spritzen die Körpersäfte aus allen Körperöffnungen und der Geruch der verwesenden Leichen hinter dem nur spärlich versiegelten Hohlraum verströmen ihr fauliges Aroma im gesamten Kinosaal und dennoch lassen einen die grausamen Gewalttaten seltsam unberührt zurück. Es ist bezeichnend, dass Fatih Akin die Altersfreigabe seines Films (keine Jugendfreigabe) fast wie eine Auszeichnung entgegennahm. Auf der Pressekonferenz meinte er dazu, dass er jetzt auch etwas habe, womit er vor seinem Sohn angeben könne. Gewalt um der Gewalt willen – Wer’s braucht…

All my Loving, Geschwister, 2019, Film, Kritik, Berlinale 2019

Den besten Film der Berlinale habe ich bisher in der Panorama-Sektion gesehen. Der Episodenfilm All My Loving vom deutschen Regisseur Edward Berger ist ein einfühlsames Drama, das in die gleiche Kerbe wie der schnulzige Eröffnungsfilm The Kindness of Strangers schlägt, denn auch hier scheinen die Probleme des Lebens zu viel für eine Person. Doch Edward Bergers Drama ist kein kitschiges Märchen, sondern ein realitätsnahes, wunderbar gespieltes und sehr präzise beobachtetes Drama. Im Mittelpunkt jeder Episode steht ein Mitglied des Geschwisterdreigespanns (Lars Eidinger, Nele Müller-Stöfen und Hans Löw), von denen jeder sein ganz eigenes Päckchen im Leben zu tragen hat. Eine Krankheit erfordert einen Lebensumbruch, Entfremdung von der Familie, eine Tragödie vergangener Tage wirft ihre Schatten in die Gegenwart oder auch das Gefühl, sich im Leben in eine Sackgasse manövriert zu haben. Edward Berger, der das Drehbuch zusammen mit Nele Müller-Stöfen geschrieben hat, lässt in All My Loving trotz aller Niederschläge immer einen Funken Hoffnung zu und somit ist es nur konsequent, dass der Film auch mit einer positiven letzten Note ausklingt. Wunderbares Gefühlskino aus Deutschland, da ist es direkt schade, dass Regisseur Edward Berger mit Rio, in dem unter anderem Benedict Cumberbatch, Michelle Williams und Jake Gyllenhaal vor der Kamera stehen werden, demnächst sein Hollywood-Debüt geben wird.

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