Kritik zu „Therapie für Wikinger“: Mads Mikkelsen als John-Lennon-liebender Sonderling

Kritik von Michael Gasch – erstmals zu lesen am 30. August 2025, gesehen im Rahmen der 82. Filmfestspiele von Venedig 2025.

Mads Mikkelsen als John-Lennon-liebender Sonderling: Therapie für Wikinger von Anders Thomas Jensen

Anders Thomas Jensen (Helden der Wahrscheinlichkeit und zuletzt King’s Land) präsentiert auf den diesjährigen Filmfestspielen von Venedig sein neuestes Werk Therapie für Wikinger. Es mag wie ein Wikingerfilm klingen – und dies wäre nach dem Historiendrama King’s Land gar nicht so abwegig – jedoch handelt es sich um ein modernes Familiendrama über männliche Vergangenheitsbewältigung. Auch wenn die Risse in der menschlichen Seele offengelegt werden und es düster wird – ganz im Geiste Jensen – gab es bis dato keinen anderen Film auf dem Filmfestival, der so viel Gelächter hervorrief.

Anker (Nikolaj Lie Kaas) ist nach einem großangelegten Bankraub auf der Flucht. Bevor er im Gefängnis landet, überredet er seinen Bruder Manfred (Mads Mikkelsen) einen Schlüssel zu einem Schließfach zu schlucken und die Beute später an einem sicheren Ort bei dem alten Elternhaus zu vergraben. 15 Jahre später wird er wieder freigelassen. Zuhause angekommen, landet erst einmal die Faust von Flemming (Nicolas Bro) in seinem Gesicht. Entweder wechselt das Geld schnell den Besitzer oder es sterben Menschen. Dass Manfred über die Jahre den Verstand und Erinnerungen verloren hat (er denkt nun, er sei John Lennon), hilft Anker nicht weiter. Dass das Elternhaus auch noch in fremden Händen ist, ebenso wenig. Doch Ankers Sturheit kennt keine Grenzen: Da, wo ein Wille, da auch ein Weg.

Jensen bleibt sich selbst treu, wenn er ein weiteres Kapitel über das große Thema Männlichkeit aufschlägt. Auch schon seine vorherigen Werke waren über vom System gebrochene, verwirrte oder traumatisierte Männer. Schmerz ist immer da und wer, wenn nicht die Männer, versteht es, ihn mit einer solchen Meisterschaft zu verdrängen? Vermutlich kommt Therapie für Wikinger also zu einem ganz guten Zeitpunkt, wenn jeden Tag auf Social-Media stumpfe Kommentare à la “Männer werden echt kreativ, nur um nicht zur Therapie gehen zu müssen” gepostet werden.

Zynisch geht Jensen dabei vor und inszeniert seine Figuren so, wie sie eben von dem gesellschaftlichen System gesehen werden, ein System, welches immer mehr darauf prädestiniert wird, die Schwäche, statt die Stärke zu sehen. Jeder ist schon ganz schön verrückt auf seine eigene Art: Manfred ist ein schräger Nerd, Anker ein Egoman, Flemming noch Schlimmeres. Psychologen würden an dieser Stelle wohl andere Worte nutzen, doch deren Stimme ist eben bekanntlich nicht so laut wie die auf Social-Media-Kanälen. Jensen erzählt hier also weniger eine Geschichte des Kinos, sondern eine Geschichte des Lebens.

„Sometimes you need to hear me out.“

Doch wagen wir einen Versuch, die Brücke zur Psychologie zu schlagen. Björn Süfke, Psychologe und Männerberater, schreibt in seinem Buch Männerseelen: “Faulheit gibt es nicht, nur Vermeidung, also Angst”. Ein perfektes Zitat für diesen Film – schlummern in jedem dieser Männer Ängste, die sich unterschiedlich äußern. Da es nicht ohne Manfred funktioniert, kommt die Frage auf: Wie macht man eine Person gefügig, die sich einbildet, sie sei John Lennon? Jensen legt die Psychologie nicht auf die Goldwaage und greift stattdessen zu unkonventionellen Mitteln: Drei weitere Männer müssen her, ein Möchtegern-Ringo, ein George-Wannabe und ein Paul-Nacheiferer.

Klingt schräg? Ist es auch, und so landen zwei weitere Männern in der Gruppe. Die Idee, das wird ein einfaches Unterfangen, sollte spätestens an dieser Stelle beseite geschoben werden. Zwei, weil einer sich einbildet, er wäre Paul und George zusammen – und Heinrich Himmler – und noch ein paar weitere Überraschungsidentitäten. So ergibt sich fortan eine Odyssee quer durch Dänemark, mit dem Ziel, das Geld zu finden. Und Seelenruhe. Und einfach etwas Verständnis für das einzelne Individuum. Sie treffen auf der Reise dabei auf weitere Menschen. Mit zerstörten Träumen, entstellten Körpern, weiteren psychologischen Störungen. Schlichtweg: In Jensens Welt ist es keinem Menschen vergönnt, ein halbwegs schönes Leben zu haben.

Der Hinweis, dass Gewalt in der einen oder anderen Form vorkommt, erbübrigt sich bei Jensen. Schläge ins Gesicht, Suizidversuche, Verstümmelungen gibt es genug, sind aber jedes mal so inszeniert, dass einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Das hält das venezianische Publikum glücklicherweise nicht davon ab, lautstark in diesen Szenen mitzulachen, wovon Therapie für Wikinger deutlich profitiert. Und vielleicht schlummert darin auch etwas Symbolkraft: Trifft man in der echten Welt das nächste Mal auf einen Mann, der vom Leben ein wenig aus der Spur geraten scheint – warum nicht die schnellen negativen Urteile oder das Mitleid beiseitelassen und sich stattdessen der leisen Tragikomik der Situation öffnen? Es ist eine einfache Wahrheit, die im Film schlummert: Mitgefühl wiegt leichter als Urteil.

Kinostart: 25. Dezember 2025
Regie: Anders Thomas Jensen
Darsteller:
u.a. mit Mads Mikkelsen und Nikolaj Lie Kaas
FSK-Freigabe: ab 16
Verleih: Neue Visionen Filmverleih
Laufzeit: 1 St. 50 Min.

★★★★★★☆☆

 


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