Kritik: Dark Glasses (IT/FR 2022) – Dario Argentos Rückkehr

Eine Gastkritik von Sophia Derda

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© Wild Bunch International

Dario Argento kehrt nach einer zehnjährigen Abwesenheit auf die große Leinwand zurück: Dark Glasses hat im Rahmen der 72. Berlinale Weltpremiere gefeiert. Mit seinem Horrorthriller knüpft der Maestro del brivido (Meister des Horrors) an Vergangenes an und – was das Wichtigste ist -, er erfindet sich bisweilen auch neu.

Jene seltsamen, in Inhalt und vor allem Gestaltung überformten (Horror-)Thriller aus Italien der 60er und 70er Jahre, die gemeinhin als Giallo bezeichnet werden, wurden maßgeblich von Dario Argento geprägt. Suspiria (1977) ist der wohl berühmteste italienische Horrorfilm aller Zeiten und gilt als Meisterwerk des Horrorkinos. Doch steht der Name Argento auch für einen eigenwilligen Umgang mit Suspense-Dramaturgie, intensive Farbgestaltung und eindringliche Soundtracks – all das macht seine Filme so lebendig wie zeitlos.

Filmfans weltweit schätzen, ja verehren seine Werke und nicht wenige sind durch ihn überhaupt erst zu Fans des abseitigen Films geworden. Sein letzter Film Dracula 3D (2012) hingegen ist so dermaßen gescheitert, dass die Ankündigung von Dark Glasses durchaus überraschend kam. Dann auch noch im Rahmen der Berlinale Special Gala auf die ganz große Leinwand zurückzukehren – so lässt sich eine lange Schaffenspause mit einem Paukenschlag beenden.

Die Straßen sind leergefegt im sommerlichen Rom. Menschen starren aus den Fenstern und scheinen eine Katastrophe zu erwarten. Die Protagonistin Diana (Ilenia Pastorelli) fährt im Auto umher und kann sich nicht erklären, was los ist. Kurze Zeit darauf soll doch alles eine simple Auflösung finden: eine Sonnenfinsternis macht sich breit. Wer seine Augen zu lange dem Sonnenlicht aussetzt, hat bleibende Schäden zu erwarten. Auch bei einer Sonnenfinsternis kann unvorsichtiges Verhalten sogar zum Erblinden führen. Diana ist dementsprechend aufgeklärt und setzt ihre dunkle Sonnenbrille auf. Diese Geste soll ein schlechtes Omen sein, denn die Sonnenbrille wird schon bald ihr ständiger Begleiter werden. Diana wird im Laufe des Films erblinden.

Diana ist Sexarbeiterin. Kein so guter Job, wenn zeitgleich ein mysteriöser Serienkiller im Milieu sein Unwesen treibt. Diana soll sein nächstes Ziel werden. Beim verzweifelten Versuch, dem Killer zu entkommen, wird sie Opfer eines schweren Verkehrsunfalls und verliert ihr Augenlicht. Auf sich allein gestellt, muss Diana ihr Leben neu begreifen. Das Trauma begleitet sie fortan und der Umgang damit wird Argentos hauptsächliches Motiv in der Inszenierung. Innerlich und äußerlich kämpft Diana gegen ihre Ängste und tritt dem Täter im Traum sowie in Realität gegenüber. Rita (Asia Argento), eine Betreuerin für sehbehinderte Menschen, wird in dieser Zeit ihre Freundin und hilft ihr sich zurechtzufinden. Der Junge Chin (Andrea Chang), dessen Eltern bei dem Verkehrsunfall ums Leben kamen, wird zu ihrem Komplizen. Gemeinsam lernen sie mit ihren Schicksalen umzugehen und halten zusammen. Ausgehend vom Killer kommt es zu einer andauernden Gefahr, hitzigen Verfolgungsjagden und Busfahrten quer durch die Stadt, Diana und Chin müssen sich zur Wehr setzen.

Alltägliches wird zum Umstand der Bedrohung und als Zuschauer versucht man das fehlende Augenlicht Dianas zu kompensieren. Man begleitet sie und sucht im Straßenbild die Gefahr, um ihr voraus zu sein und nicht ins offene Messer zu laufen. Die Eröffnungssequenz steht exemplarisch dafür ein, aus einem herkömmlichen wissenschaftlichen Phänomen, der Sonnenfinsternis, den Horror des Films zu manifestieren. Diana im Auto zu verfolgen, ihren Blick zu halten und die Macht des Ungewöhnlichen auf sie wirken zu lassen, erlaubt eine sofortige Identifikation. Der Zuschauer blickt gleichsam unwissend in den Himmel und sieht die Sonne verschwinden, es liegt etwas in der Luft und man wird zu Verbündeten.

Vom visuellen Stil bis zu Arnaud Rebotinis elektronischer Filmmusik referiert der Film zwischen vergangenem und heutigem Zeitgeist. Dabei sind die Gewaltmomente so rigoros und blutig wie schon lange nicht mehr und im Gegenzug die Beziehung zwischen Diana und Chin so fürsorglich und liebevoll, dass man stellenweise an ein sozialrealistisches Drama erinnert wird. Argento gelingt mit Dark Glasses eine elektrisierende Symbiose, ein Spannungsverhältnis zwischen psychosexuellen Thriller und Drama.

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© Wild Bunch International

Diese Zartheit ist neu für Dario Argento, er entfaltet in der Inszenierung von Diana mit dem Verlust ihres Augenlichts eine sehr empfindsame Figur, die voller Kühnheit der Welt gegenübersteht. Diana dabei zuzusehen, wie sie auf rührende Weise versucht, zum ersten Mal allein eine Straße zu überqueren, ist nicht das, was man von einem Filmemacher wie ihm erwarten würde, aber es funktioniert auf seine eigene, einfache Art. Illenia Pastorellis Darstellung von Diana öffnet in diesem Moment den Blick und grenzt an Slapstick, dabei entwickelt der Film einen freien Umgang mit ihrer Beeinträchtigung und die Rolle des Opfers wird aufgebrochen. Blicke haben eine herausgehobene Bedeutung bei Dario Argentos Werken, weswegen der fehlende Blick Dianas die Angst von außen nach innen verlagert.

Es macht Sinn sich Dario Argentos frühere Werke anzusehen, um Entscheidungen innerhalb des Films zu verstehen oder auch eine Wandlung zu spüren. Wenn noch in Stendhal Syndrome (1996) das Wesen der Protagonistin Anna durch Stilmittel der Grenzüberschreitung und Zerrissenheit dargestellt wird und erst durch das Radikale eine Befreiung möglich scheint, gelingt es Diana die Kraft aus sich selbst zu schöpfen. Die Konfrontation mit früheren Werken und seiner jetzigen Position ist nuanciert ausgelotet, was die Rezeption sehr spannungsvoll macht. Das ungleiche Duo, Diana und Chin, erinnert stark an Argentos Protagonist*innen von Die neunschwänzige Katze (1971), bei dem der blinde Ex-Journalist Franco Arno mit seiner achtjährigen Nichte ermittelt. In Suspiria kommt es zum Auftritt eines blinden Pianisten, dessen Kehle er kurz darauf von einem Schäferhund zerfetzt bekommt. Und auch in Dark Glasses wird es den ein oder anderen animalischen Auftritt geben. Diana und Chin kämpfen sich durch die Dunkelheit und plötzlich fühlt man sich wie in einem Märchen, das auf sadistische Weise die falsche Richtung eingeschlagen hat.

Fazit: Dario Argento ist seit über 50 Jahren im Dienst, seine Filme begleiten ganze Generationen. Der Druck auf das Werk eines solches Ausnahmekünstlers ist gewaltig. Dennoch ist es ihm stets gelungen abseits von Erwartungen auf seine Filme und sich selbst zu arbeiten. Dabei blickt er nach vorne und wagt es stilistische und inhaltliche Entscheidungen zu treffen, die nicht immer erwünscht sind. Das tat er bereits vergangenes Jahr, als er in Gaspar Noés Meisterwerk über das Altern Vortex erstmals vor der Kamera eine Glanzleistung zeigte. Dark Glasses gehört nun auch wieder auf die große Leinwand und hat im Rahmen der Berlinale genau den richtigen Ort für eine Weltpremiere gefunden.

Dark Glasses startet am 7. Juli 2022 in ausgewählten Kinos, ab dem 29. Juli 2022 wird das Horrordrama dann bereits von Pierrot le Fou für das Heimkino vertrieben.

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