Kritik: Suspiria (IT 1977) – Ein Märchen für Erwachsene

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Bad luck isn’t brought by broken mirrors, but by broken minds.

Da stehe ich nun, verwirrt und allein gelassen – gleichsam der Protagonistin – und ich frage mich, wo der Sinn hinter all dem Schabernack steckt. Noch immer läuft der Abspann und schnell wird mir klar: Wer hier nach dem Sinn sucht, ist an der falschen Adresse, denn Dario Argento ging es die ganze Zeit nur um das Erleben, das Fühlen der ästhetischen Darstellung von Morden mitten in einem experimentellen Okkultstreifen. Dabei ist ihm eine der nachhallendsten Arbeiten der Kunst- sowie Filmgeschichte gelungen, die sich weniger durch ihre Morde auszeichnet, als vielmehr durch ihre beängstigende Atmosphäre.

Suzy (Jessica Harper) möchte eine professionelle Balletttänzerin werden und so macht sie sich auf den Weg nach Freiburg, um dort an einer der renommiertesten Ballettschulen der Welt zu studieren. Mitten in der Nacht kommt sie im strömenden Regen in Freiburg an und macht sich mit dem Taxi auf den Weg zur Schule. Dort angelangt, trifft sie am Eingang auf eine verstörte, junge Frau. Als Suzy am nächsten Tag mit ihrem Unterricht beginnt, muss sie erfahren, dass die Frau Opfer eines brutalen Mordes geworden ist. Und auch in der Schule beginnen sich von nun an mysteriöse Ereignisse zu überschlagen.

Altmeister Dargio Argento (aktuell wieder mit Dark Glasses im Kino präsent) war, schaut man denn genauer hin, nie ein Regisseur, der seine Geschichten mit Hilfe von konventionellen Mitteln erzählte. Bei ihm steht in jedem Augenblick die inszenatorische Finesse im Vordergrund, die eine maximale Wirkung entfalten soll. Und so ist Suspiria, wie auch weitere seiner unvergesslichen Regiearbeiten, darunter Deep Red und Phenomena) als Kunstwerk unter den Horrorfilmen zu verstehen. Schreckensmomente werden zu etwas Wunderschönem und träumerische Augenblicke zu angsteinflößenden Lichtfluten. Kontraste wie diese ziehen sich durch den kompletten Film: Schwangere, die den Tod finden. Wendungen, die eigentlich keine sind. Ein blinder Pianist, der nach der Wahrheit sucht. In all diesen kontrastreichen Momenten verliert Dario Argento allerdings nie den Überblick, und so kann er auch in vielen anderen Belangen ein effektvolles Märchen garantieren, das einen emotional sicherlich nicht unbeeindruckt zurücklässt.

Aufregend an Dario Argentos Regie sind auch weniger die zahlreichen, sicherlich eindrucksvollen Wendungen, sondern vielmehr auch der Bild- und Klangteppich, der einem dauerhaft ein Gefühl des Unwohlseins beschert. Man fühlt sich als wären einem die Augen verbunden, wie Suzy, die zwar weiß, dass etwas Schreckliches innerhalb der Gemäuer der Tanzschule vor sich geht, aber nie wirklich eine nachvollziehbare Erklärung zu finden scheint. Und dann kommen diese Momente, gleichsam einer Ohrfeige. Oder war da vielleicht doch nichts. Träumt Suzy vielleicht alles nur, weil sie sich in ihrer neuen Umwelt nicht wohlfühlt oder Angst davor hat, welche Herausforderungen es in den kommenden Monaten zu bewältigen gilt? Das würde auch die labyrinthartige Szenerie erklären, welche durch das Lichtspiel, dominiert durch rote Farben – der Trauer, des Abschieds von der Heimat? – einer anderen Welt gleicht.

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Der Film muss natürlich nicht als Albtraum gesehen werden. Dafür eröffnet Dario Argento einen viel zu großen Interpretationsspielraum. Und so entsteigt dem eigentlich inhaltslosen Plot eine durch und durch persönliche Note, welche es nicht ohne die Liebe für das Detail geben würde. Das spiegelt sich beispielsweise im originalgetreuen Studionachbau des Freiburger Haus zum Walfisch wieder. Oder eben auch in der musikalischen Begleitung der italienischen Band Goblin, deren nuancierte, fantasievolle Melodien die soghafte Erzählform optimal begleiten. Das ist in jeder Hinsicht Spannungskino par excellence, bei dem aus gutem Grund die Form über den Inhalt herrscht.

Das Resultat erklärt sich von selbst: Suspiria ist einer der besten und einer der wegweisendsten Horrorfilme aller Zeiten. Dario Argento sind Genrekonventionen egal. Zwar vermischt er verschiedenste Horrorstile, trotzdem fühlt er sich in seiner eigenen Welt am wohlsten. So auch ich, denn nachdem ich Suspiria das erste Mal erlebt hatte, glaubte ich aus einem sinnlosen Albtraum erwacht zu sein. Man kann sicherlich nach einem Sinn suchen, aber erinnern wird man sich primär an die surrealistischen Elemente, an die Unlogik und Fremdartigkeit dieser Welt, aus der man eben erwacht ist, und an das damit einhergehende Gefühlschaos. Dass das alles formvollendet umgesetzt ist, braucht man eigentlich nicht mehr erwähnen, denn nur durch Perfektionismus mag man im Stande sein, mit dem Medium Film einen Traum nachzustellen. Selbsterklärend habe ich Suspiria mittlerweile schon viele Male gesehen, neuerdings als US-Import in der wirklich ganz und gar spitzenmäßigen, in 4K restaurierten Fassung von Synapse Films – eine erneute Offenbarung des seit jeher sprachlos machenden Meisterwerks!

Hierzu gibt es ausnahmsweise keinen Trailer, da jedes Bild zu viel verrät. Lasst stattdessen schon mal einen der größten Soundtracks auf euch wirken.

2 Comments

  • Keine Ahnung warum alle so auf LIVID rumhacken, aber ich denke das hier dieses filmische Nachempfinden eines Traumes, genauso wie bei SUSPIRIA, perfekt in Bilder gefasst wurde.

    • Auch „Suspiria“ wurde damals zunächst schlecht aufgenommen und ist nun als einer der besten Horrorfilme anerkannt. „Livide“ finde ich zwar nicht ganz so herausragend (wie auch), aber durchaus sehenswert.

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