Kritik zu „The Testament of Ann Lee“: Dieser Film spaltete Venedig

Kritik von Michael Gasch – erstmals zu lesen am 1. September 2025, gesehen im Rahmen der 82. Filmfestspiele von Venedig 2025.

Kontrovers: The Testament of Ann Lee von Mona Fastvold

„Gott würfelt nicht“, soll Albert Einstein einst bemerkt haben. Gemeint war die Ablehnung des Zufalls – eine Haltung, die sich dieser Tage auch auf die Filmfestspiele von Venedig übertragen lässt. Denn reiner Zufall war es wohl nicht, dass Regisseurin Mona Fastvold exakt denselben Premierenslot (Sala Darsena um 19:15 Uhr) erhielt, den im Vorjahr ihr Ehemann und kreativer Partner Brady Corbet mit The Brutalist bespielte. Seit über einem Jahrzehnt arbeiten die beiden nun schon zusammen und durchweg alle ihrer jüngsten Werke feierten ihre Weltpremieren in Venedig. Der Umstand, dass Corbets Werk als monumental rezipiert wurde, kommt dem Paar und Fastvolds neuem Film The Testament of Ann Lee, einem historischen Musical-Drama, zugute. Zwar fungiert Corbet „nur“ als Drehbuchautor und Produzent und doch wiederholt sich die Geschichte ein Stück weit: Gleicher Saal, gleiche Zeit und erneut ein filmisches Erlebnis, das die große Kinoleinwand zum Ereignis macht.

Nach ihrem letzten Geschichtsdrama The World to Come, taucht Fastvold ein weiteres Mal in die Geschichte ein. Es könnt glattweg der zweite Teil einer Erinnerungsgut-Filmreihe sein. Der große Unterschied: Während das kleine aber feine Vorwerk wie ein schmales Taschenbuch wirkt, präsentiert sich The Testament of Ann Lee wie ein 3000-seitiger Welzer, Minimum. Diverse Kapitel dienen dabei als Rahmen, um eine epochale Geschichte über ganze Jahrzehnte zu erzählen. Schnell kommen Erinnerungen an The Brutalist auch auf einer Metaebene auf.

Hyperdetailreich wie Laszlo Toth (Adrian Brody) aus The Brutalist wirkt das Portrait über die titelgebende Ann Lee (Amanda Seyfried), die in der Mitte des 18. Jahrhunderts eine amerikanische Freikirche gründete. Beide Figuren erblicken das Licht auf der Leinwand – doch könnten sie genauso gut echte Menschen aus der Geschichte sein. Fast schon könnte man dem Filmemacher-Paar den Vorwurf machen, sie drücken ein weiteres Mal die gleichen Knöpfe. Jedoch mit einem Unterschied, der nicht wirklich von Belang ist: Ann Lee gab es tatsächlich, der Film ist eine Nacherzählung ihres ganzen Lebens.

Fastvolds neuestes Werk ist dabei nicht minder kompromissbereit als das vorangegangene Nachkriegsdrama. Im prachtvollen 70mm-Format, getragen von einem rauschhaften Setdesign, einer Flut historischer Kostüme, monumentaler orchestaler Begleitung und einer Inszenierung am Rande der Ekstase, scheint kein Register des Kinos unberührt – alles ist bis zum äußersten aufgedreht. Stets durchdrungen vom Motiv des sinnlichen Ausdrucks: Wenn immer und immer wieder wild getanzt wird. Wenn aus ganzem Herzen geschrien und gesungen wird. Wenn Fastvold dem Publikum es regelrecht in die Großhirnrinde reinhämmert, dass Gottesnähe nicht nur in der Stille wohnt, sondern ebenso im Beben, im Aufschrei, im Rausch der Seele.

Auch wenn sich das eindringlich und einmalig anhört, hält es nicht davon ab, dass man irgendwann den Faden verliert. Würde man nach dem Film 100 Fragen zur Narrative stellen, käme bei den meisten Kritikern – mich eingeschlossen – vermutlich nur ein kläglicher Haufen präziser Antworten zusammen. Dass es in dem Screening keine englischen Untertitel gab, hängt damit sicherlich auch zusammen. Doch ganz generell ist es kein Werk, was sich über seine Worte und Dialoge definiert, sondern über das Erlebnis.

Denn solche größenwahnsinnigen Filme, wie es beispielsweise Barry Lyndon (Stanley Kubrick) zu seiner Zeit war, The Brutalist und The Testament of Ann Lee aktuell sind, und vermutlich auch Christopher Nolans neuestes Werk The Odyssey sein wird – gibt es immer seltener. Eben jenes ekzessive Kino stimmt nachdenklich. Es bestünde durchaus die Möglichkeit, Filme zu produzieren, deren Vermarktung nicht komplizierter ist als der Film selbst – dennoch ziehen es diese Filmemacher vor, den mühsameren Weg zu gehen.

Abschließend lohnt es sich, auf das Motiv des Vermächtnisses zu blicken. Diverse Filme haben bereits das Erbe bedeutender Figuren aus der Geschichte eingefangen. Die versunkene Stadt Z (James Gray) fällt beispielsweise ein – und gar nicht so lange her: Eden von Ron Howard. Es ist dabei das eine, das Individuum zu erforschen und auf der großen Leinwand sichtbar zu rekonstruieren. Es ist das andere, das Vermächtnis eines Menschen freizulegen. Dies ist in vielen Fällen (zum Beispiel bei Erfindungen) auch etwas, was eine bildliche Manifestation zulässt, kann aber auch nicht sichtbar sein, gerade im Bereich spiritueller Führer.

Ann Lee ist so ein Fall: Ihr Wirken hallt noch lange, vielleicht sogar bis zum heutigen Tag, nach. In Form der gebauten Kirchen, aber auch auf einer spirituellen, abstrakteren Ebene. Paradox ist, dass ihre Lebensverfilmung exakt bei ihrem Tod endet und ihr Vermächtnis damit nicht ganz greifbar wird. Anstelle von ausklingenden Texttafeln, die nur informieren, webt The Testament of Ann Lee die Vergangenheit in die Gegenwart und offenbart sich als lebendiger Spiegel seiner Zeit. Wie eine stürmische Reise durch die wechselvollen Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts fordert das Werk enorme Hingabe und Geduld – und doch verdient es unbedingt Anerkennung.

Kinostart: 12. März 2026
Regie: Mona Fastvold
Darsteller:
u.a. Amanda Seyfried und Tim Blake Nelson
FSK-Freigabe: ab 12
Verleih International: Proton Cinema
Dt. Verleih: The Walt Disney Company
Laufzeit: 2 St. 10 Min.

★★★★★★☆☆


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