Kritik: Dune (USA 2021)

– gesehen im Rahmen der 78. Internationalen Filmfestspiele von Venedig 2021 –

Dune-2021-Film-Kritik-Trailer
© Warner Bros.

There’s a crusade coming.

Vorgestern premierte eine der heißerwartetsten Kinoproduktionen des Jahres zumindest schon mal in Venedig. Seitdem versuche ich zu verstehen, woher der Festivalhype und einige Lobhudeleien kommen. Wie ich jedoch mittlerweile erleichtert feststellen durfte, halten sich die unkritischen Stimmen, welche Dune zum größten Science-Fiction-Film seit 2001 – Eine Odyssee im Weltraum erklären, mittlerweile in Grenzen. Und immer mehr Stimmen erheben sich, von „a bombastic, impersonal imperial space tragedy“ (thefilmstage.com) bis „the boring homework before the juicy stuff starts happening“ (The Hollywood Reporter), die in ihren ganz eigenen Worten beschreiben, wie sehr sie Dune für misslungen halten.

Ich selbst habe bis heute, lange genug also möchte ich behaupten, versucht der Nachfolgearbeit von Denis Villeneuves wiederum tatsächlich außergewöhnlichem Blade Runner 2049 immerhin noch den einen oder anderen positiven Aspekt abzugewinnen. Doch abgesehen von der ersten halben Stunde, in welcher einige spannende Themen angeschnitten werden, stellt Dune auch für mich ein Scheitern auf hohem Niveau dar.

Doch worum geht es eigentlich nochmal? Dune erzählt, basierend auf Frank Herberts Science-Fiction-Roman Der Wüstenplanet*, die Heldengeschichte von Paul Atreides (Timothée Chalamet), einem mit besonderen Fähigkeiten gesegneten jungen Mann, der noch nichts von seiner universellen Bestimmung weiß. bis eines Tages der Planet Arrakis, auf dem er und seine Eltern (Oscar Isaac und Rebecca Ferguson) leben, hinterhältig angegriffen wird, um die Produktion des wichtigsten galaktischen Rohstoffs – das Spice – zu sichern, welcher beispielsweise essenziell für die interplanetäre Fortbewegung ist. Doch nicht nur die Zusammenfassung der filmischen Handlung von Dune passt auf einen Bierdeckel, auch sonst ist der zweite Versuch nach David Lynch, Frank Herberts Roman als Verfilmung gerecht zu werden, erzählerisch, aber auch oft inszenatorisch misslungen. Dies liegt, unter anderen Punkten, auch daran, dass Dune Anno 2021 vielleicht noch als erste Episode einer längeren Serie taugen würde. Nicht jedoch als Dune: Teil 1, welcher nicht einmal als Exposition für den nun angekündigten zweiten Teil Eindruck macht.

„Adapt or die. It was my mantra while doing Dune. The desert has its ways of bringing you back to your true self and ridding you of rotten habbits.“ (Denis Villeneuve)

Wenn ich lese, wie Denis Villeneuve vorab über die Produktion gesprochen hat, stellt sich mir vor allem eine Frage: Wie kann es sein, dass die komplexen philosophischen Themen, aber auch die nicht minder verschachtelten globalen Konflikte der Buchvorlage so dermaßen kurz gekommen sind und der Film sich stattdessen lieber in unsinnigen Kämpfen bzw. Schlachten sowie ausführlichen Erläuterungen von Gadgets verliert. Es ist sehr bezeichnend, dass der Zuschauer am Ende des Films mehr die futuristischen Anzüge und darüber, wie man sich durch Wüstensand bewegt, wissen wird, als sich mit den wichtigen Fragen unserer Zeit auch nur annähermd auseinandergesetzt zu haben.

Ebenso sind die Hürden der Heldenreise, also die dicken Brocken, welche Paul Atreides immer wieder in den Weg gelegt werden, nur reine Drehbuchkniffe und damit selbstzweckhaft – alles mit dem Sinn, irgendwie die oberflächliche Handlung voranzupeitschen. So wird zum Beispiel den überdimensionalen Sandwürmern durch ihr vermehrtes Auftreten ganz schnell der Schrecken genommen. So sehr wünschte ich mir eine packende Szene wie die mit dem Sarlaac in Die Rückkehr der Jedi-Ritter (mir ist übrigens bewusst, woher George Lucas seine Inspirationen nahm). Natürlich sind die Spezialeffekte im Jahr 2021 weiterentwickelt – wie könnte es bei einem Budget von 165 Millionen Dollar und der heutigen Technik auch anders sein. Doch tatsächlich wirken in Dune, gerade wegen der glattgebügelten CGI-Effekte, nicht nur die Würmer schrecklich seelenlos. Noch unschöner sind die animierten Luftaufnahmen der Hauptstadt sowie der Wüstenlandschaften von Arrakis. Das Gefühl der tristen, lebensbedrohlichen, hoffnungslosen Endlosigkeit der Wüste kommt so zu keinem Augenblick auf, wie beispielsweise in David Leans majestätischen, zeitlosen Klassiker Lawrence von Arabien.

Dune-2021-Denis-Villeneuve
© Warner Bros.

David Leans Wüstenepos war dann übrigens nicht nur in technischer Hinsicht der Film, den ich mir über die komplette Laufzeit auf der Leinwand herbeigesehnt habe. In vier Stunden erzählt das Historiendrama bis heute exemplarisch von imperialistischen Konflikten und denjenigen Personen, welche hinter globalen Machenschaften stecken. Maurice Jarres Orchester begleitet das alles legendär, ganz im Gegensatz zu Hans Zimmers unspirierten Bombastgeplärre, das nur möglichst laut zu trommeln vermag. Warum ich diese Vergleiche ziehe? Ich möchte hier nicht das alte Hollywood verklären. Doch als Space Opera bzw. als ambitioniertes Epos scheitert Dune größtenteils einfach dermaß kläglich, dass ich diese Parallen ziehen muss.

„Das ist erst der Anfang“, verkündet die Geschichte, aber wovon genau? Da dies buchstäblich eine Geschichte über einen weißen Retter ist, müssen alle interessanten Überlegungen zu  globalen Konflikten für später aufbewahrt worden sein. Es gibt perfekte Beispiele dafür, wie man ein ganzes Universum aufbauen, die Kulisse für mögliche Fortsetzungen schaffen und dennoch einen zufriedenstellenden eigenständigen Film liefern kann, der allen neue Hoffnung für das Kino schenkt. Dune ist dafür leider nicht ansatzweise ein Paradebeispiel – vielmehr werden Erinnerungen an John Carter wach. Erwartbar ist, dass die Fortsetzung, falls sie denn tatsächlich realisiert werden sollte (bisher wurde keine Minute gedreht, dies hängt vollständig vom jetzigen Erfolg ab), sich viel lieber in überkandidelten Schlachten verlieren wird, als tiefer zu gehen wie es der erste Teil tut.

Denis Villeneuve hatte also nur allzu Recht, als er sich dafür einsetzte, dass Dune nicht für das Streaming zu Hause geeignet sei. Das hat jedoch einen anderen Grund, als uns vermittelt wurde: Dune scheitert nämlich in epischen Maßen daran, ein vielschichtiges, gut erzähltes erstes Kapitel für ein unvergessliches filmisches Universum zu präsentieren, welches über die Grundgedanken der Romanvorlage hinausgeht. Das zweieinhalbstündige Science-Fiction-Epos kann weder für sich als alleinstehender Film überzeugen, noch als Exposition, so wie es gerne manche hätten. Vergleiche mit Stanley Kubrick sind ebensowenig angebracht wie mit dem ersten Teil der Der Herr der Ringe-Trilogie. Dune wäre zwar gerne so imposant wie letztere, wie ein moderner Lawrence von Arabien oder wie Das Imperium schlägt zurück, ist am Ende aber vor allem eines: Emotionslos, generisch inszeniert, holprig erzählt, inhaltlich unterwältigend, mit schablonenhaften Figuren gefüllt und in seiner gigantomanischen Machart ermüdemd – inklusive des brachialsten Zimmer-Soundtracks, den ich je gehört habe. Der heimische Fernseher wäre zwar nicht groß genug für den Umfang dieses wuchtigen Dune, doch als inspirierende Spice Opera für das Kino scheitert dieser ebenfalls. Man möchte es Denis Villeneuve nicht wünschen, doch irgendwie scheint hier der finanzielle Flop vorprogrammiert, zumal uns mit No Time To Die, Marvels Eternals und Top Gun 2: Maverick ein vielseitiger Blockbuster-Herbst mit mehreren potentiellen Kassenschlagern erwartet.

Hier geht es zum Trailer auf Youtube.

Hörenswert und live aus Venedig: Der CutsPodcast zu Dune.

Dune startet am 16. September 2021, und damit einen Monat früher als in den USA und in GB, deutschlandweit in den Kinos. Ab dem 23. Dezember 2021 ist Dune bereits für das Heimkino erhältlich.

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