Venedig-Kritik: The Whale (USA 2022)

– gesehen im Rahmen der 79. Filmfestspiele von Venedig 2022 –

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© A24 / Brendan Fraser

Fast zwölf Jahre ist es schon her, dass ich Darren Aronofskys Black Swan im Kino gesehen habe – ganz genau am 31. Dezember 2010. Etwas, was ich nie wieder machen sollte, denn der Film beschäftigte mich damals noch die ganze Nacht bis ins neue Jahr hinein. Aber dieses Erlebnis hatte sich wie kaum ein anderes gelohnt, zuvor hatte ich wirklich noch keine vergleichbare Stimmung bei einem Kinobesuch erlebt (es war die eine Vorabpremiere in Berlin, bevor Black Swan am 20. Januar 2011 offiziell in den deutschen Kinos gestartet ist). Diesem cineastischen Trip mit der bis heute unvergesslichen Schauspielleistung Natalie Portmans konnte in den letzten Jahren kaum ein anderes psychologisches Drama nur ansatzweise das Wasser reichen – auch nicht Darren Aronofskys beiden letzten Filme. Der Bibel-Blockbuster Noah (2014) mit Russell Crowe war ein Fehltritt und Mother! (2017) mit Jennifer Lawrence hinterließ in mir nur unschöne Zwiespalt.

Über Darren Aronofskys neueste Regiearbeit The Whale war vor der heutigen Weltpremiere in Venedig nicht allzu viel bekannt und es sind nur zwei zentrale Infos vorab zu mir durchgedrungen: Einmal handelt es sich um eine Verfilmung des gefeierten, gleichnamigen Broadway-Plays aus der Feder von Samuel D. Hunter (von dem ich bisher noch nichts gehört hatte). Und zweitens war bisher nur ein Portraitfoto des ziemlich übergewichtigen Brendan Fraser (Die Mumie-Triloge) zu mir durchgedrungen. Dies machte mir eher Sorgen, wo doch für so gut wie alle anderen Wettbewerbsfilme vorab deutlich mehr Wirbel, zumeist auch schon mit einem ersten Trailer, veranstaltet wird.

Umso mehr freue ich mich nun darüber, dass The Whale die bisher größte Überraschung des Festivals  ist und nicht nur mich emotional überwältigt zurückgelassen hat. Wie damals Black Swan, erwischte das minimalistische, theaterhafte Drama mich und alle um mich herum mit einer Flut von Gefühlen, die ich seit gestern Abend nur schwer in Worte zu fassen vermag. Die Atmosphäre im Kino war in höchstem Maße beeindruckend, und das auch noch lange nachdem der Abspann einsetzte. Der unbestreitbare Star des Abends bekam zur Einblendung seines Namens sogar noch eine Runde Sonderapplaus.

Darren Aronofsky hat sich ein weiteres Mal einem körperlichen Thema angenommen. Es geht um den Englischlehrer Charlie (Brendan Fraser), der nur noch online anonym Schreibkurse anbietet, denn er leidet unter einer krankhaften Übergewichtigkeit. Als seine Tage gezählt sind, versucht er seiner 17-jährigen Tochter Ellie (Stranger Things-Star Sadie Sink) näher zu kommen, die seit mittlerweile acht Jahren nicht mehr Teils seines Lebens ist. Als er seine Frau (Samantha Morton) für seine neue Liebe verließ, brach diese kurzerhand auch komplett den Kontakt zwischen Vater und Tochter ab.

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© A24 / Sadie Sink

Darren Aronofsky lässt diese Bewältigungsgeschichte, ganz der theaterhaften Vorlage entsprechend,  fast ausschließlich in Charlies vollgestopfter Wohnung spielen, wodurch sich zwischen ihm und seiner Tochter, aber auch den weiteren Charakteren, darunter Charlies Freundin und ärztliche Betreuerin Liz (Hong Chau) sowie seine Exfrau Mary, eine klaustrophobische Dynamik entwickelt. Gedreht ist das alles obendrein im einengenden 4:3-Format. Brendan Fraser spielt den 272 Kilo schweren Charlie mit ebenso viel Körperlichkeit wie Zurückhaltung. “I gave it everything I’ve got!” gab Brendan Fraser unter anderem als Kommentar zu seiner Vorbereitung auf die übergewichtige Rolle ab. Und er liefert in der Tat eine außerordentlich eindrucksvolle, nuancierte Performance ab.

Darren Aronofsky selbst soll gesagt haben, dass es ihm darum gegangen sei Menschen, die mit Fettleibigkeit zu kämpfen haben und dadurch oft verurteilt und abgelehnt werden, eine Bühne für ihre äußere sowie innere Welt zu geben. Da kam Hunters Theaterstück also genau richtig. Und es klingt fast schon ein wenig zu bescheiden, denn The Whale ist am Ende glücklicherweise so viel mehr als nur ein Film über den Alltag eines Fettleibigen, macht auf so vielen Eben nachdenklich und entlässt sein Publikum mit einer vielschichtigen Erlösung, die zu Tränen rührt.

Fazit: The Whale ist emotional überwältigendes Schauspielkino. Bei Kristen Stewart (Spencer) lag ich vergangenes Jahr mit meiner Einschätzung, dass sie später den Oscar holen würde, zwar leider (ich kann es immer noch nicht verstehen!) daneben. Im Fall von Brendan Fraser bin ich mir aber erneut sicher, dass ihm kaum jemand die goldene Statue für den besten Hauptdarsteller streitbar machen wird (höchstens das ElvisWunderkind Austin Butler) – wie zuletzt 2008 Mickey Rourke (The Wrestler) bietet Brendan Fraser ein schauspielerisches Comeback, das sprachlos macht!

Es steht leider noch nicht fest, wann The Whale in Deutschland im Kino startet. Auch wurde bisher noch kein Trailer veröffentlicht.

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