Venedig-Kritik: Spencer (GB/DE 2021) – Kristen Stewart als Lady Di

– gesehen im Rahmen der 78. Internationalen Filmfestspiele von Venedig 2021 –

Spencer-2021-Film-Kritik-Trailer
© DCM

“The thing is Diana, there has to be two of you. The real one and the one they take pictures of.”

Mit „Eine Fabel nach einer wahren Tragödie“ eröffnet der chilenische Regisseur Pablo Larraín (zuletzt gefeiert für das Reggaeton-Drama Ema) seinen neusten Historienfilm, welcher heute im Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig seine Weltpremiere feierte. Einigen Hype löste Spencer schon vor Wochen und Monaten aus, als bekannt wurde, dass Lady Diana, die tragische Prinzessin von Wales, von Kristen Stewart verkörpert werden würde. Und ebenfalls, als das erste offizielle Foto von Kristen Stewart als Lady Di online gestellt wurde. Doch mit ihrer unglaublichen nuancierten Verkörperung der Prinzessin der Herzen dürfte Kristen Stewart nun auch endlich ihre letzten Kritiker begeistert die Hände klatschen lassen.

Pablo Larraín widmet sich nach Jackie Kennedy (Jackie, 2016) ein weiteres Mal auf zwiespältige, noch nicht dagewesene Weise einer der interessantesten weiblichen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. So wie sich der chilenische Regisseur Jackie Kennedy nicht nur als Stilikone, Liebling der Nation, liebende Ehefrau und fürsorgliche Mutter, sondern auch als unfassbar schwer zu verstehenden Menschen, faszinierend und abstoßend zugleich, stets im öffentlichen Interesse der Nation und deshalb nie sie selbst, annahm, so sehr begeistert schildert Larraín den tragischen Lebensabschnitt von Prinzessin Diana, als ihre ehe mit Prinz Charles Anfang der 90er langsam ihr Ende nahm. Hierbei fokussiert er sich ausschliesslich auf das Wochenende, an dem Diana während ihrer Weihnachtsferien mit der königlichen Familie im Sandringham House in Norfolk im Jahr 1991 beschließt, ihre Ehe mit Charles, Prinz von Wales, zu beenden. Ein Wochenende, welches ihr Schicksal prägte. Die zentralen Fragen sind hierbei teils die selben: Ebenso wie Jackie ist auch Spencer das Porträt einer gespaltenen Frau voller Widersprüche, deren Inneres unheimlich schwer zu fassen ist. Wer ist die echte Diana gewesen? Und was hat sie wirklich hinter den zugezogenen Vorhängen der königlichen Paläste fern der Pressekameras durchgemacht? Haben wir die reale Diana überhaupt gesehen? Oder kannten wir nur ihre empathische Seite, mit welcher sie sich in der Öffentlichkeit zeigte?

Pablo Larraín gibt auf all diese und andere Fragen selbstverständlich keine einfachen bzw. klaren Antworten. Einerseits zeigt er Diana zwar in Momenten, in denen sie am liebsten masturbieren, zum KFC gehen, Vogelscheuchen bekleiden und ziellos allein mit ihrem Auto herumfahren möchte. Doch dieses Übermaß an Freiheit kann sich Diana eigentlich nicht leisten, da es eine gefährliche Waffe darstellt, welche die Medien rücksichtlos gegen das Königshaus einsetzen können. Obendrein litt Diana unter Bulimie, Verfolgungsängsten und Depressionen. Larraín probiert es jedoch gleich gar nicht erst den Rätseln und Mythen um Prinzessin Diana wahrheitsgemäß auf den Grund zu gehen. Vielmehr macht er seinen eigenen Mythos daraus und lässt uns tief in die Psyche der Anfang 30-Jährigen Diana eintauchen. Mit Elementen aus dem Horror- und Märchenfilm verwandelt der Regisseur das royale Sandringham House, gleichsam wie Alfred Hitchock (Marnie) oder Stanley Kubrick (Shining, es gibt sogar eine Treppenszene), in einen vollkommen nebulösen Ort der einsamen Geister.

Kristen-Stewart-Princess-Diana-2021
© DCM

Ebenfalls in den Sinn kommt einem hierbei während Dianas Leiden ein britisches Psychothrillermeisterwerk: So einmalig wie Catherine Deneuve in Roman Polanskis zeitlosem Ekel (1965) eine psychotische junge Dame spielt, die unter Einsamkeit und Berührungsängsten mit Männern leidet, so intensiv verliert sich Kristen Stewart während ihrer Depressionen immer mehr in albtraumhaften Visionen, in welchen sie Anne Boleyn begegnet, der ehemaligen Königin von England, die 1536 wegen angeblichen Ehebruchs und Hochverrats enthauptet wurde. Es gibt in Spencer sogar eine Szene, in welcher Diana vollkommen verloren, fast schon in Rage, durch die Gänge des Sandringham House irrt – auch das kennen wir von einer vergleichbaren Szene aus Polanskis Klassiker. Oder eben auch aus Andrzej Zuławskis Possession (1981). Ja, auch wenn das Schauspiel natürlich nicht mit dem Isabelle Adjanis und Catherine Deneuves zu vergleichen ist, Kristen Stewart spielt jetzt in derselben Liga. Der Preis für die beste Schauspielerin in Venedig gefolgt von einem Oscar wäre mehr als verdient!

Fazit: Spencer ist ein visuell betörendes, ungewöhnlich märchenhaft erzähltes Historienspektakel mit Kristen Stewart auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Pablo Larraín iszeniert damit seinen bisher wertvollsten Film, an dem man sich weder satt sieht (Kamera und Kostüme) noch hört (Jonny Greenwoods Score ist mal wieder meisterlich) und bringt sich damit nach Jackie (2016) ein weiteres Mal in Stellung für die Verleihung der wichtigsten Filmpreise. Ich freue mich derweil schon mindestens genauso so sehr auf die Zweit- wie ich auf die Erstsichtung hingefiebert habe, denn diese moderne Biopic-Perle bietet noch so viel mehr zum Entdecken, als man mit den ersten Blicken wahrnehmen kann.

Mit Christian vom CutsPodcast habe ich live aus Venedig über meine ersten Eindrücke zum Film gesprochen.

Hier könnt ihr euch die halbstündige Pressekonferenz aus Venedig anschauen.

Obwohl das Historiendrama eine deutsche Koprodukation ist, startet Spencer leider erst am 27. Januar 2022 deutschlandweit in den Kinos.

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