Kritik von Michael Gasch
Ryan Gosling zurück im All: Project Hail Mary von Phil Lord und Christopher Miller
Es wäre vermutlich nicht übertrieben zu sagen, dass sich Der Astronaut – Project Hail Mary unter den am heißesten erwarteten Blockbustern dieses Jahres wiederfindet. Christopher Nolans Die Odyssee, Denis Villeneuves Dune 3, Steven Spielbergs Disclosure Day und eben auch dieser Science-Fiction-Film vereinen das Opulente gleich mehrfach: große Namen – in diesem Fall Ryan Gosling (an dem – nach Aufbruch zum Mond – erneut das Schicksal der Menschheit im All hängt) und Sandra Hüller als Protagonisten –, große Bilder, ein großes Budget von knapp 248 Millionen Dollar, große Marketingkampagnen, schlichtweg große Versprechen, einen Kinoabend mit Nachhall zu erleben. Als zweite Romanverfilmung der Bücher von Andy Weir (Der Marsianer machte den Anfang, wohingegen das Nachfolgewerk Artemis direkt übersprungen wurde) geht es einmal mehr tief ins Weltall. Wie in Interstellar steht auch hier die Erde vor dem Abgrund. Eine Rettungsmission wird gestartet, um die Menschheit zu retten – doch mitten auf der Reise taucht eine außerirdische Lebensform auf.
Mit dieser Prämisse befinden wir uns gedanklich eigentlich wieder in den 70er- und 80er-Jahren, als der sogenannte High-Concept-Film aufkam. Die Grundpfeiler sind schnell zusammengefasst: (1) Die Handlung ist sofort verständlich und einprägsam, (2) es gibt einen Twist über etwas Bekanntes (Alien), (3) die Massentauglichkeit ist deutlich erkennbar, (4) Star-Power und Merchandising werden besonders betont. Letzteres wird schon vor Filmstart sichtbar: Wer ein Ticket kauft, bekommt einen niedlichen Pin als Geschenk dazu. Nett, keine Frage – doch es stellt sich die Frage: Ist das wirklich ein gutes Zeichen, wenn man eine Buchvorlage zu einer Filmadaption noch immer tief im Herzen trägt – nicht aber wegen Erfreulichkeit oder Niedlichkeit, sondern etwas Tiefergehendem?
Dabei sind Film und Roman narrativ nicht einmal so unterschiedlich. Und doch gibt es einen großen Unterschied, wirft man einen Blick zurück auf die klassischen Konfliktarten: Mensch vs. Mensch (Star Wars), Mensch vs. Natur (Der Marsianer), Mensch vs. Maschine (Ex Machina), Mensch vs. Gesellschaft (Snowpiercer), Mensch vs. Selbst (Auslöschung), Mensch vs. Schicksal/Übernatürliches (Arrival), Mensch vs. das angsteinflößende Unbekannte (Alien)… Natürlich gibt es oftmals Überschneidungen von diesen Ansätzen, doch kommen wir zum Punkt: Müsste es im Falle von Der Astronaut – Project Hail Mary mit seiner High-Concept-Charakteristik nicht einfach sein, diesen Film zuzuordnen? Beim Blick auf den Film ist es nie wirklich ganz eindeutig – deutlich anders als im Buch. Wie bei zahlreichen Science-Fiction-Erzählungen, die in die abgelegensten Tiefen des Weltalls reisen, erzählt die Geschichte vom Menschen gegen sich selbst. Dass der Film sich eben diesem Existentialismus beschneidet, sollte man auf den Grund gehen.
„Who on earth is gonna sign up for this?“
Da, wo die existenziellen Herausforderungen in der Vorlage ausgetragen werden, fällt dem Film in der meisten Zeit nur der Griff zum Humor ein, um das Publikum nicht zu sehr mit diesen Problemen zu konfrontieren. Alles Schwere verharrt damit im Flüsterton: Ausweglosigkeit, Trauer und Melancholie dürfen kaum atmen und selbst das Gefühl des Ausgeliefertseins wird, wenn überhaupt, nur ganz selten angedeutet. Lösungen auf Probleme sind einfach da, jedoch werden sie nie wirklich errungen. Und auch die Beziehung zwischen dem Astronauten und dem Alien bleibt, obwohl sie durchgehend im Vordergrund steht, immer nur oberflächliche Auseinandersetzung. Ein Beispiel dazu: An einer Stelle heißt es, dass es für das Alien wichtig ist, die schlafenden Artgenossen zu bewachen. Doch ehe man sich versieht, verliert sich diese Innigkeit, als wäre sie nie vorhanden gewesen. Ein anderes Beispiel: So schnell wie sich eine weitere Hürde im Laufe der Geschichte anbahnt, so schnell wird auch eine passende Lösung gefunden. Verkauft wird eine schnörkellose, eine zu oft aalglatte Geschichte, in der oft die nötige Tiefe vermisst wird. Auch hier findet sich ein großer Unterschied: Während Romanautor Weir die Narrative als Kette von Missgeschicken begreift, sieht Drehbuchautor Drew Goddard nur die Erfolge.
Ein niedliches Alienwesen, Wohlfühl-Spannungsbögen, die nie zu überfordernd werden, und ein Mindestmaß an Komplexität, dafür aber ein Übermaß an Harmonie, sorgen dafür, dass sich die Verfilmung selbst als Feelgood-Buddy-Comedy-Movie begreift. Das passt natürlich zu den Regisseuren Phil Lord und Chris Miller, die vorher LEGO als Animationsfilm adaptiert haben. Bei solchen Produktionen mag das nicht weiter problematisch sein, da Narrative, Ideologie und Inszenierung in ihrer Lockerheit übereinstimmen. Bei so großen, bedeutsamen Geschichten, wie man sie bei Andy Weir finden kann, muss man hingegen aber ganz klar fragen: Kann das im Sinne großer Kunst sein? Andy Weirs Filmadaptionen funktionieren auf der Leinwand mit ihrem zeitweiligen Bombast und universellen Touch auf ihre eigene Art und Weise schon ziemlich gut – denn hier kann jeder Kinogänger etwas für sich mitnehmen. Doch wie auch schon bei Der Marsianer drängt sich erneut der Eindruck auf, dass Hollywood alles genau durchdacht, kalkuliert und bloß nicht zu tiefgründig sowie philosophisch inszeniert.
Ryan Gosling trägt den Film bemerkenswert im Alleingang, Greig Frasers Bilder drängen sich mit Wucht in die Augen, und die Auseinandersetzung zwischen Mensch und Alien sowie die opulenten Effekte schrauben die Erwartungen mit jeder Minute höher – ein unvergesslicher, gewichtiger Kinobesuch ist tatsächlich durchgehend greifbar. Der Astronaut – Project Hail Mary liefert letztlich aber nur berührende, kurzweilige und visuell beeindruckende Unterhaltung, und löst sein großes Versprechen nur teilweise ein – trotz aller Stärken wirkt das Science-Fiction-Abenteuer nicht sonderlich nachhaltig und sinnreich, ist jedoch dennoch unbedingt auf der größtmöglichen Leinwand zu sehen.
Kinostart: 19. März 2026
Regie: Phil Lord und Christopher Miller
Darsteller: u.a. mit Ryan Gosling und Sandra Hüller
FSK-Freigabe: ab 12
Dt. Verleih: Sony Pictures Germany
Laufzeit: 2 St. 37 Min.
★★★★★☆☆☆
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