Kritik: The Banshees of Inisherin (IRL, UK, USA 2022)

– gesehen im Rahmen der 79. Filmfestspiele von Venedig 2022 –

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© Searchlight Pictures

“I don’t give a FECK about Mozart!” 

Filme, bei denen einem das Lachen im Halse stecken bleibt während man gleichzeitig Tränen verdrücken muss – das kommt euch bekannt vor? Klar, denn es ist immerhin von der neuen Regiearbeit Martin McDonaghs die Rede, dem wir die drei tragikomischen Glanzstücke Six Shooter (2004), Brügge sehen… und sterben? (2008) und Three Billboards Outside Ebbing, Missouri (2017) zu verdanken haben.

In The Banshees of Inisherin dreht sich alles um zwei Best Buddies, die Anfang der 1920er auf einer abgelegenen Insel vor der Westküste Irlands leben, deren Bewohner jedoch, abgesehen von fast täglichen Pub-Treffen, nicht viel in ihrer Freizeit zu tun haben. Ein stundenlanger Monolog über den hauseigenen Esel, der gestern die Wohnung vollgeschissen hat… normal! Ein Tag gleicht dem anderen. Und deshalb schienen die beiden lebenslangen Freunde Padraic (Colin Farrell) und Colm (Brendan Gleeson) bisher auch unzertrennlich. Das einfache Leben zu genießen schien bisher beiden vollkommen lebenserfüllend.

Doch als Colm vollkommen unerwartet ihre Freundschaft beendet und den Kontakt abbricht, gerät Padraics Welt vollkommen aus den Fugen. Mit Hilfe seiner Schwester Siobhán (Kerry Condon) und dem besorgten Dominic (Barry Keoghan) probiert Padraic die Bromance noch zu retten. Doch die wiederholten Bemühungen stärken nur die Entschlossenheit seines ehemaligen Freundes, und als Colm das verzweifelte Ultimatum stellt, er möchte jetzt ein für alle Mal nichts mehr von Padraic hören, ansonsten würde er sich bei jeder weiteren Annährung einen Finger abschneiden, eskalieren die Ereignisse mit unumkehrbaren Folgen.

Der von Martin McDonagh ebenfalls selbst geschriebene Film strotzt nur so von persönlichen, intimen Konflikten, bei der heutigen Pressekonferenz in Venedig merkte er dazu an, dass er deswegen unbedingt auf den beiden irischen Inseln Inishmore und Achill drehen wollte, mit deren einnehmenden Landschaften er unvergessliche Kindheitserinnerungen verbindet. Dazu wollte er schon länger die beiden Brügge-Stars vor der Kamera wiedervereinigen. Hieraus sei ein am Ende an vielen Stellen improvisierter Film entstanden, weshalb McDonagh über die Chemie der beiden Protagonisten und die spektakulären Naturaufnahmen der Inseln hinaus ansonsten nicht mehr viel mehr habe tun müssen, um der Geschichte einen universellen Sinn zu geben.

Das ist definitiv ein bescheidenes Statement, denn nur aus der Inselkulisse und mit ausschließlich einer Handvoll Schauspieler_innen einen derart künstlerisch wertvollen Film zu Stande zu bekommen, das ist etwas, was bisher nicht vielen Regisseuren gelungen ist. Insbesondere Ingmar Bergman, der ebenso clever wie amüsant zitiert wird, kommt einem bei diesem Vergleich in den Sinn. Natürlich sind die Darsteller durch die Bank weg hervorragend, aber die Kraft von The Banshees of Inisherin liegt auch in den reduzierten Ideen, wie beispielweise, wenn Hintergrundgeräusche des Bürgerkriegs auf dem Festland über die Bucht hinweg zu den Inseln widerhallen.

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© Searchlight Pictures

Es ist auch ein Film über die Entfremdung von Brüdern und Schwestern und damit wirkt der Film nicht nur aufgrund des Ukraine-Kriegs brandaktuell. Bei der Pressekonferenz kam auch noch ein weiteres Thema zu Sprache: Die Kommunikation in der Gesellschaft, welche zu solchen Konflikten führen kann, wenn jeder nur noch sich selbst der nächste ist. Colin Farrell dazu: “Conversation, sharing thoughts and feelings always triggers judgements, but exchanging ideas in a way that you feel open to expressing them is a wonderful thing: it’s something that will never die.” Auf die Frage, ob die Menschen sich mit den sozialen Medien voneinander entfernt hätten, ist er noch positiver Dinge, wie es scheint. Was das Filmende selbst dazu zu sagen hat, das wird selbstverständlich nicht verraten.

Zurück zu den Fragen, welche der Film auf zwischenmenschlicher Ebene stellt. Warum entschließt sich Colm überhaupt dazu, sich von seinem besten Freund zu distanzieren? Er selbst argumentiert damit, dass ihm Padraic mittlerweile als Mitmensch zu banal sei. Er selbst möchte noch etwas aus seinem Leben machen (Musik komponieren), veor es zu spät ist und nicht nur als „netter Kerl“ in Erinnerung bleiben, der in den Tag gelebt hat. Und was schulde er Padraic überhaupt, dass dieser den Kontaktabbruch nicht akzeptieren könne. Dass Colm damit eine dramatische Entwicklung bei Padraic forciert, da dieser sich durch die Ablehnung zutiefst verletzt fühlt, scheint ihn auch nicht mehr zu kümmern. Er hat sich für diesen neuen Lebensweg entschieden, komme was wolle. Erinnert ihr euch noch an die Beziehung der beiden in Brügge sehen… und sterben?, in dem sie sich im einen Moment gegenseitig töten wollen und im nächsten Augenblick wie die besten Freunde dieser Welt erscheinen? Nun, über diese beiden komplex gezeichneten Figuren geht das Trio in The Banshees of Inisherin noch hinaus. In Sachen moralischer Fragen gab es in letzter Zeit keinen Film, der mich so sehr beschäftigt hat.

Fazit: Ein seltsames Paar vor irischer Landschaftskulisse und das ist in jeder Hinsicht „feckin’ amazing“! Das Erfolgsteam von Brügge sehen… und sterben? ist nach 14 Jahren wieder zurück und liefert erneut ein ebenso komisches wie tragisches Statement zu einer Zeit voller schwer nachvollziehbarer Absurditäten ab. Ich weiß zwar noch nicht, ob The Banshess of Inisherin einer meiner neuen Lieblingsfilme sein wird – so wie die moderne Brügge-Fabel. Zumindest aber ist er fraglos mein bisheriges Highlight des Jahres und lädt zu weiteren Sichtungen ein. Insbesondere zwischen Colin Farrell und Brendan Gleeson entwickelt sich im Laufe des Films eine dermaßen komplexe Beziehungsdynamik, dass diese kaum mit Worten zu beschreiben ist und die ihr deshalb ganz einfach selbst erlebt haben müsst.

Bei Interesse könnt ihr euch hier auch noch im Nachhinein die Pressekonferenz anschauen (ab 1:54:31), an der ich teilgenommen habe. The Banshees of Inisherin startet am 5. Januar 2023 deutschlandweit im Kino.

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