Venedig-Kritik: Last Night in Soho (USA, GB 2021)

– gesehen im Rahmen der 78. Internationalen Filmfestspiele von Venedig 2021 –

Last-Night-in-Soho-Filmkritik-2021
© Universal Pictures Germany

When the past lets you in, the truth will come out.

Last Night in Soho – das ist der lang erwartete neue Film vom britischen Regietausendsassa Edgar Wright (Baby Driver, Hot Fuzz*), der damit zum blutigsten aller Genres zurückfindet, welches ihn vor fast zwei Jahrzehnten berühmt machte: Mit der Zombiekomödie Shaun of the Dead startete Edgar Wright 2004 in seine bis heute erfolgreiche Karriere, welche er auch später hauptsächlich mit Komödien weiter prägte. Mit dem ersten Trailer von Last Night in Soho kündigt sich dann vor Monaten allerdings, erstmals in Edgar Wrights Karriere, ein düsterer Psychothriller an. Seinen eigenen Worten zufolge von Genremeilensteinen wie Nicolas Roegs Wenn die Gondeln Trauer tragen (1973) und Roman Polanskis Ekel (1965) inspiriert. Angekündigt wurde die Produktion obendrein mit einer der talentiertesten Schauspieltalente in der Hauptrolle: Anya Taylor-Joy, die zuletzt als Schachmeisterin in der Netflix-Miniserie Das Damengambit für Aufsehen sorgte.

Gerade die Parallelen zu Polanskis Meilenstein waren bereits im Trailer klar ersichtlich: Last Night in Soho erzählt, wie der 1965er-Psychothriller mit Catherine Deneuve, von einer desillusionierten jungen Frau, hier Eliose Cooper (Thomasin McKenzie), die, als sie für ihr Modedesignstudium von ihrer Heimat auf dem Land in die Großstadt zieht, dort in den eigenen vier Wänden immer verrückter wird und plötzlich auf mysteriöse Weise in das London der 60er Jahre zurückversetzt wird, wo sie auf ihr Idol (Anya Taylor-Joy), eine schillernde Sängerin, trifft. Die Grenzen zwischen Realität und Illusion verschwimmen dabei immer mehr und, wie von Edgar Wright gewohnt, passiert das alles in Last Night in Soho alles andere als ein subtil. Dies tut dem Kinoerlebnis jedoch ganz und gar keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil: So fantastisch unterhalten, wie heute Früh um 8:30 Uhr bei der Weltpremiere von Last Night in Soho, wurde ich dieses Jahr bisher von keinem anderen Film. Und das, obwohl ich als Horrorfan einige Erwartungen hatte.

Edgar Wright hat erste heute bei der Pressekonferenz darum gebeten, dass vorab von der Presse möglichst wenig über die Handlung verraten wird. Das ist absolut selbstverständlich, denn möglichst viele Handlungselemente in Last Night in Soho sollten eine Überraschung bleiben. Daher gibt es auch von meiner Seite nicht viel mehr als das, was bereits der Trailer angekündigt hat. Einerseits setzt Edgar Wright, passend zu seinem Vorgängerfilm Baby Driver, seinen Fans ein weiteres operettenhaftes Musical vor, welches nur so an Ohrwurmklassikern überquillt. Im Trailer kündigte sich bereits Petula Clarks 60er-Hit „Downtown“ an. Dabei bleibt es aber ebenso wenig, wie bei den zahlreichen Songs in Baby Driver. Bereits in der Eröffnungsszene tanzt Thomasin McKenzie als Eloise ausgelassen in ihrem Kinderzimmer zu „A World Without Love“ des Gesangsduos Peter und Gordon, voller Vorfreude darauf, was sie in der Londoner Designwelt erwarten wird.

© Universal Pictures Germany

Hierbei verdeutlicht Thomasin McKenzie ab der ersten Sekunde, dass sie schauspielerisch Anya Taylor-Joy in sämtlicher Hinsicht gewachsen ist – eine wundervolle Hommage an Audrey Hepburn darf hierbei natürlich nicht fehlen. McKenzie machte erstmals im Ausssteigerdrama Leave No Traces (2018), gefolgt von der Coming-of-Age-Hitler-Satire Jojo Rabbit* (2019), auf sich aufmerksam – ihre Darbietung in Last Night in Soho ist nun nochmal eine ganz andere schauspielerische Klasse. Perfekt verkörpert sie die unschuldige junge Studentin vom Dorf, die sich im Angesicht der Großstadt mit den Geistern der Vergangenheit, aber auch den Hürden ihres künftigen Stadt- und Studentenlebens stellen muss.

Andererseits bleibt fürs Erste noch die Inszenierung ganz besonders positiv hervorzuheben: Die beiden fabelhaften Schauspielerinnen hätten sich sicherlich nicht so exzessiv vor der Kamera ausleben können, wäre da nicht dieses detailverliebte Setdesign, die nicht minder detailversessenen Kostüme und die famose Kameraarbeit von Oldboy-DoP Chung-hoon Chung. All diese Elemente zusammengebracht betonen meisterlich Edgar Wrights Verehrung eines ganz besonderen Horrorsubgenres und werden gekonnt in die beiden Zeitebenen der Handlung integriert. Ich kann mich obendrein nicht daran erinnern, wann London zuletzt in einem Film in einer vergleichbar einnehmenden, bunten Bildsprache erstrahlte. Last Night in Soho ist nämlich auch ein ganz und gar herzergreifender wie auch erschütternder Giallo geworden. Liebesvolles Zitieren in roten und gelben Bilderfluten von Dario Argentos Suspiria (1977) sowie Profondo Rosso (1975), aber auch von Mario Bavas Blutige Seide (1964) werden Gialli-Fans ebenso sehr schätzen, wie es für noch Unbedarfte den perfekten Einstieg in das italienische Subgenre bietet.

Fazit: Last Night in Soho ist dank seiner inszenatorischen Klasse, aber auch dank der beiden talentierten Hauptdarstellerinnen Edgar Wrights bisher visuell und auch thematisch reichhaltigster Film. Gekonnt bringt der Brite mit seiner rauschhaften Liebeserklärung den Giallo in das 21. Jahrhundert und lässt gleichzeitig das London der Swinging Sixties in Form eines Psychothrillers aufleben. Insgesamt erreicht Last Night in Soho hierbei zwar nicht ganz die Klasse seiner Vorbilder, kommt nicht ganz so gewalttätig wie diese daher, dennoch sorgt der Horrorthriller für außergewöhnlich packende sowie kurzweilige Unterhaltung. Ein Kinobesuch ist Pflicht, ich freue mich schon jetzt auf weitere Sichtungen, denn diese sind definitiv schon jetzt geplant.

Last Night in Soho startet am 11. November 2021 deutschlandweit in den Kinos.

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